Samstag, 4. März 2006 | 19:00 Uhr | ARTE
Das Forum der Europäer
Gott in Selbstbedienung
Magazin, Frankreich 2006, ARTE F, Erstausstrahlung
Regie: Guy Saguez
Die Zeit ist, so scheint es, weniger von politischem Engagement des Einzelnen geprägt als von einer allgemeinen Suche nach Geistigkeit. Die zahlreichen Bücher über Religion, Esoterik, Lebenshilfe und Persönlichkeitsentfaltung, die Europas Buchhandlungen füllen, belegen eine steigende Nachfrage. Aber was genau wird geboten?
Trotz dieser offenkundigen Sinnsuche, die man in den meisten europäischen Ländern finden kann, fällt es den „institutionellen“ Religionen schwer, neue Gläubige zu binden. Neben dem Interesse für östliche Religionen, etwa dem Buddhismus, suchen die Europäer anscheinend vor allem neue Ausdrucksformen der Geistigkeit. Pilgerfahrten, Klausuren in Klöstern (zum Teil zwei Jahre im Voraus ausgebucht), aber auch New Age und transzendentale Meditation stehen hoch im Kurs und belegen einen Gesellschaftstrend, der zuweilen von Sekten oder Geschäftemachern skrupellos ausgenutzt wird. „Forum der Europäer“ deutet die Symptome dieser allgemeinen Sinnsuche anhand folgender Schlüsselfragen: Sind unsere Gesellschaften dabei, neue Werte zu erfinden? oder, ganz im Gegenteil, neue Formen der Unterdrückung? Kann man heute noch Atheist sein?(1): Studiogast:
Frédéric Lenoir, Philosoph und Soziologe, Chefredakteur des Magazins „Le Monde des religions“ und Autor zahlreicher Werke, u. a. von „Das Geheimnis des Da-Vinci-Code“ zusammen mit Marie-France Etchegoin (Piper, 2005).
(2): Der spirituelle Nachfrageboom
Die Rolle der Geistigkeit in unserem Alltag nimmt zu. Der moderne Mensch arbeitet an sich selbst und zieht sich gerne mal von der Welt zurück, um in sich zu gehen. Der legendäre Jakobsweg ist heute wieder ein beliebtes Wanderziel für Pilger aus ganz Europa auf der Suche nach Gott oder nach sich selbst. „Forum der Europäer“ befragte Jakobspilger zu dieser neuen Popularität.
(3): Kirche und Jugend, ein zaghafter Missionierungsversuch
Sufi-Rock oder Christen-Rap – die heutige Jugend geht zwar nicht mehr in die Kirche, die Synagoge oder die Moschee, bekundet aber ihr Bedürfnis, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Manche Religionen stauben neuerdings jahrhundertealte Riten ab, um verlorene Schäfchen auf Sinnsuche in den Schoß der Glaubensgemeinschaft zurückzuholen. Am Beispiel der Niederlande zeigt „Forum der Europäer“, wie die dortige protestantische Kirche alternative Rock-Konzerte für potenzielle jugendliche Gläubige organisiert.
(4): Erneuerung im Osten
Wie eine jüngere Erhebung des alle zwei Monate erscheinenden Magazins „Le Monde des religions“ belegte, gibt es in den ehemaligen kommunistischen Ländern nur 3 % Atheisten - geradezu unvorstellbar in Anbetracht der Tatsache, dass in diesen Ländern Religionsunterricht und –praxis lange Zeit verboten waren. Die Osteuropäer haben sich jedoch nicht nur ihren angestammten Religionen zugewandt - dies zum Teil übrigens sehr radikal -, sondern sie zeigen auch ein wachsendes Interesse für diverse Techniken der Persönlichkeitsentfaltung, die Rückkehr zur Natur, einen gewissen Pantheismus, die transzendentale Meditation, ja sogar für Sekten, die dank einem juristischen Vakuum wie Pilze aus dem Boden schießen.
Quelle:
www.arte-tv.com
Schalom