Die Missionarin und das Glück
"Darf ich Ihnen etwas zum Lesen mitgeben?" Sprach mich eine Frau mit Regenschirm auf der Strasse an und hielt mir ein Heftchen vor die Nase.
"Erwachet!" Stand als Titel darauf geschrieben.
'Och ne! Wieder so eine, die dich bekehren will!' War mein erster Gedanke. Ich wollte schon giftig werden.
'Nimm dich zusammen und sei freundlich!' Sagte ich streng zu mir.
Da ich bisher noch nichts erwidert habe, versuchte es die Dame erneut: "Es ist wohl schwierig Ihnen etwas mitzugeben, sie haben die Hände ja ziemlich voll."
Ich nickte: "Ja, das ist tatsächlich schwierig." Ich schielte zu meinem Rucksack und hoffte, dass er ihr nicht auffiel. Aber ihrem geschulten Auge entging nichts.
Sie startete noch einen hartnäckigen Versuch.
"Das Thema wäre sicher etwas für sie!"
Wieder wedelte sie mit dem Heft vor meinem Gesicht herum und las mir das Thema vor, das in Grossbuchstaben auf der Umschlagseite stand:
"Wie finde ich mein Glück?!"
'Mein Gott', dachte ich, 'sehe ich so bemitleidenswert aus, als hätte ich diesen Kram nötig?'
Ich hätte ihr am liebsten das Heft, oder den Stock um die Ohren...
Stattdessen strahle ich freundlich unter meiner Kapuze hervor und kontere: "Ich habe mein Glück schon gefunden!"
Die Dame schüttelte ihren Regenschirm und ging zügigen Schrittes weiter.
Sie hätte sich doch wenigstens mit mir freuen können.
Einige Schritte weiter funkelte mich ein kleiner roter Stein vor meinen Füssen an.
Er sprach: "Das Glück liegt auf der Strasse, du brauchst es nur aufzuheben!"
... und hüpfte darauf in meine Hosentasche.
Wie schlau die Steine doch sind. Viel schlauer als diese komischen Heftchen.
LG kuma