
"Vor einiger Zeit musste ich mich beruflich mit den Schriften der deutschen Mystikerin Hildegard von Bingen beschäftigen. Dabei ackerte ich mich mühsam durch eine Menge medizinischer Bücher und kirchlicher Abhandlungen über das vielfältige Wirken dieser Persönlichkeit des 12. Jh. Einige davon hatte ich schon früher gelesen, aber sie erschienen mir so langweilig, dass ich auch jetzt wenig Lust verspürte, mehr über diese kräutersammelnde, allwissende Nonne zu erfahren. Doch da fiel mir Feldmanns äußerlich unauffällige, aber exakt recherchierte Hildegard-Biografie in die Hände und ich wäre eine miserable Mitarbeiterin unserer Zeitschift, wenn ich eine solch faszinierende Übereinstimmung mit den Aussagen unseres Meisters einfach unter den Tisch fallen lassen würde.
So hört und staunt: Der Gott ihrer Visionen war ein Gott des Klanges und des Lichts.
Hildegard beschreibt ihn als einen Gott, der mit seiner Stimme den Erdkreis bewegt und die ganze Schöpfung zum Schwingen bringt. Sie hörte aus einer "von Licht ganz durchglänzten Luft heraus die Wechselgesänge der Gotteskräfte". Es heiß in ihrer Biografie, dass sie Bescheid wusste über den tönenden Kosmos und die Musik der Sphären. Sie sah die Schöpfung als Klangbewegung, ausgehend von dem "Wort", das die Welt ins Leben gerufen und Rhythmus in das Chaos gebracht hat.
In einer ihrer Gottesvisionen spricht die Schöpferkraft zu ihr:
"Ich, der ich ohne Ursprung bin
und von dem jedes Beginnen ausgeht,
ich habe eine Stimme wie Donnerklang,
mit der ich das ganze Weltall
in lebendigen Tönen aller Kreatur
in Bewegung halte.
Als das Wort Gottes erklang,
da erschien dieses Wort in jeder Kreatur
und dieser Laut war das Leben in jedem Geschöpf".
Anima hominis symphoniam in se habet et symphonizans est - so lautet Hildegards Thema: "Die Seele des Menschen trägt die Sinfonie in sich und ist sinfonisch." Kein Wunder, dass sie manchen frommen Theologen und konservativen Religionswissenschaftler heute noch überfordert. Das Lesen über ihr Wissen darüber, dass sich die Schöpfung im Klang vollzieht, bereitet mir persönlich besondere Freude, denn mitunter wurde unserem Meister eine eigenwillige Interpretation des Johannesevangeliums vorgeworfen, wenn er es mit den Worten "Im Anfang war der Klang ..." auslegte.
Aus der Fülle ihrer Visionen sei hier neben der Tonerfahrung auch die des inneren Lichtes erwähnt. Hildegard sprich nur zu wenigen Menschen über ihre Seelenerfahrungen, doch einem wallonischen Mönch vertrau sie an:
"Das Licht, das ich schaute,
ist nicht an den Raum gebunden,
es ist vielmehr lichter als eine Wolke,
die die Sonne in sich trägt ...
In diesem Licht sehe ich zuweilen,
aber nicht oft,
ein anderes Licht, das mir
das "lebendige Licht" genannt wird.
Wann und wie ich es schaue, kann ich nicht sagen,
aber solang ich es schaue,
wird alle Traurigkeit und alle Angst
von mir genommen, so dass ich mich fühle
wie ein einfaches junges Mädchen
und nicht wie eine alte Frau."
In der Biografie sind natürlich neben diesen spirituellen Erkenntnissen auch weitere Begegebenheiten aus Hildegards Leben aufgeführt, denn schließlich waren ihre Berufungen vielfältig: sie war Dichterin, Naturwissenschaftlerin, Apothekerin, leitete gleichzeitig zwei Abteien und führte einen der umfangreichsten Briefwechsel des Mittelalters. Doch vor allem ihrer Ton- und Lichterfahrungen wegen sei sie hier erwähnt.
Wegen ihrer nüchternen Intelligenz, ihrer spirituellen Stärke und ihrem Wissen über die Heilkunst könnte man sich Hildegard eher robust und widerstandsfährig vorstellen, doch sie war zeitlebens körperlich zart und kränklich, im Gegensatz zu ihrer geistigen und seelischen Kraft. Sie nannte sich selbst ein von Ihm gehaltenes Federchen und meinte fast entschuldigend: "Dem König gefiele es, eine kleine Feder zu berühren, so dass sie in Wunder emporfliege. Und ein starker Wind trug sie, damit sie nicht sinke!"
Den Gott des inneren Klanges und des inneren Lichtes der Hildegard von Bingen in Kürze vorzustellen ist der Sinn dieser Zeilen. Leider ist diese Biografie von Christian Feldmann im Handel nicht mehr erhältlich."
(Von Luitgard Pruy, aus "True Light" 3/2004, Edition Naam, Augsburg). Luitgard Pruy wurde von Sant Thakar Singh initiiert und beschreibt interessanterweise, wie Heilige das "Wort Gottes" vernahmen und erkannten.