1. Geschichte.
Die Mennoniten sind Angehörige einer religiösen Gemeinschaft, die in der Reformationszeit aus der Wiedertäuferbewegung entstand. Sie sammelten sich um Menno Simons (1491-1561) vor allem in den Niederlanden, Flandern und Ostfriesland. Durch sehr strenge Sittengesetze und Nichtanerkennung der jeweiligen Landeskirchen waren sie gezwungen dauernd zu wandern um Orte zu finden, wo sie geduldet wurden. Schon sehr früh kamen sie nach Danzig. Als 1772 die Weichselniederung vom preußischen König Friedrich dem Großen eingenommen wurde, wurden ihre Rechte beschnitten und das Volk unterdrückt. Doch die Erlösung kam durch die Einladung der russischen Zarin Ekaterina II ihr menschenleeres Land, Neurussland, zu besiedeln. Hier siedelten sie dann bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, als der Rest Rußland und die Ukraine verlassen mußte, der nicht schon unter den bolschewistischen Repressalien geflohen war. Die Zielländer der Flucht waren Canada, Mexico, Paraguay und mehrere mittelamerikanische Länder. Nach Bolivien kamen die ersten Mennoniten 1948 aus Paraguay. Es war eine Gruppe sehr strenggläubiger Mennoniten, die den fortschrittlichen Kurs in Paraguay nicht mittragen wollten. Später kamen Gruppen aus allen o. g. Ländern und bildeten ihre Kolonien, die mittlerweile in Bolivien 47 an der Zahl ausmachen mit rund 45.000 Einwohnern
2. Soziale Situation.
Von ihrer Entstehungsgeschichte her sind die meisten Mennoniten freigläubig und liberal. Die Zeiten der Verfolgung müssen aber bewirkt haben, daß sie sich durch eine für uns unverständliche Sittenlehre abgekapselt haben, die sie aus der Bibel ableiten. Wie kann die Bibel aber verbieten elektrischen Strom, Autos (als Lenker), sogar Traktoren, Telefone, Handy´s, Radio und Fernsehen zu benutzen, wo es diese Techniken zu Zeiten ihrer Entstehung noch nicht gab? So ist es nicht weit, daß die Mennoniten von ihrer Umwelt als weltfremd und verrückt angesehen werden. Dazu kommt nocht ihre schneeweiße Hautfarbe, in Südamerika ein gravierender Kontrast, und ihre „Tracht“, die Frauen in langen Röcken, mit Kniestrümpfen und immer mit Kopftuch oder zusätzlich ein schwarzer Sombrero und die Männer mit Latzhose, Slippern und Sombrero. Auch diese Attribute sollen sich auf biblische Verbote beziehen, z. B. Männer dürfen keine Schuhe mit Schnürsenkeln tragen und in der Hose keinen Gürtel. Die Umgangssprache ist ein niederdeutscher Dialekt gemischt mit Weichselplattdeutsch und den Dialekten ihrer jeweiligen Stationen. Die Mennoniten aus Canada und Mexico sprechen eher englisch oder spanisch. Die Schulausbildung ist sehr mangelhaft. Es wird fast nur aus der Bibel gelehrt in Form stupiden Auswendiglernens. Die Jungen gehen bis in die 9. Klasse, die Mädchen haben nur 8 Schuljahre. So ist es nicht verwunderlich, daß viele Semianalphabeten sind und keine Sprache in Wort und Schrift gut beherrschen. Verhütung ist verboten. So liegt die Kinderzahl zwischen 10 und 20! Die medizinische Versorgung in den Kolonien besteht nur aus so etwas wie Heilpraktikern, die sich das Wissen selbst oder beim Kollegen beigebracht haben. Todesfälle bei der Geburt und für uns leicht zu beherrschenden Infektionskrankheiten sind alltäglich. Zusammengefaßt lebt die mennonitische Gemeinschaft in als mittel-alterlich zu bezeichnenden Verhältnissen, wobei es auch unter ihnen alle Schattierungen bis hin zu modern lebenden Menschen gibt, genauso wie es neben der Masse, die als arm zu bezeichnen ist, auch Reiche und Superreiche gibt.
3. Wirtschaftliche Situation.
Wie oben schon erwähnt ist die Mehrheit der Mennoniten als arm zu bezeichnen. Der Grund ist einerseits die hohe Kinderzahl und relativ kleine Parzellen von 50 Hektaren pro Familie. Wenn das schon nicht für eine Familie reicht, wie dann, wenn man es durch die Kinderzahl teilt? Die fehlenden Landwirtschaftsmaschinen werden durch der Hände Arbeit ersetzt. Aber Saatgut und Chemikalien müssen auf dem freien Markt gekauft werden, wozu das Geld oft fehlt, so daß Mißernten eingefahren werden oder minderwertige Ware produziert wird.
4. Hilfsangebote und Entwicklungsarbeit bei den Mennoniten.
Zuerst muß mal festgehalten werden, daß die Mennoniten die Form ihres Lebens so akzeptieren, weil sie diese so von Gott gewünscht erachten. Deshalb leiden sie auch nicht unter dem, was wir als Mangel empfinden. Daneben besteht ein ausgeprägter Traditionalismus nach dem Motto, „Was immer schon (...das sind mittlerweile fast 500 Jahre) Erfolg gehabt hat, d. h. das Überleben gesichert hat, wird auch weiterhin Gültigkeit haben. Dieser Traditionalismus wird scharf von den Pastoren überwacht, und jeder, der moderne Gebräuche annimmt, wird aus der Kolonie vertrieben. Er verliert damit jeglichen Rückhalt seiner angestammten sozialen Gemeinschaft und muß in der Vereinzelung ums Überleben kämpfen. Allerdings haben die Mennoniten in Rußland selbst das beste Gegenbeispiel geliefert, wo sie ohne solche strengen Lebensnormen, ohne in Verkleidung herumzulaufen, alle erdenkliche Technik der damaligen Zeit nutzend, blühende Landschaften geschaffen haben, mit Fabriken, Schulen und Krankenhäusern.
Schon seit Jahrzehnten bietet das CCM (Central Comitee Menonita), eine Organisation der modernen kanadischen Mennoniten, Entwicklungshilfe für ihre bolivianischen Brüder und Schwestern an. Daneben gibt es das Haus Bethesda, das von deutschen Mennoniten unterstützt wird. Gerade bei den altkonservativen Mennoniten fällt diese Hilfe jedoch nicht auf fruchtbaren Boden, ja, oftmals wird sie brüsk zurückgewiesen. Das betrifft auch die Hilfe im medizinischen Bereich, denn die Krankheiten sollen ja ihren von Gott bestimmten Verlauf nehmen. Allerdings sieht man die Mennoniten dann haufenweise die Arztpraxen in der Stadt bevölkern, was beweist, daß es das Diktat der Dorfschulzen ist, das sie die Hilfe in der Kolonie nicht annehmen läßt. Ganz besonders stark ist der Widerstand das Schulwesen zu verbessern. Am ehesten wird Hilfe noch angenommen bei Verbesserungen im Agrarbereich.
Zusammengestellt von Dr. med. Frank Hesse (Projektleiter der Stiftung Ñandereko), Sieghard Schartner und
Heiner Dustmann (Direktor bei der Stiftung Nándereko)