Vor ein paar Jahren war ich auf dem Jakobsweg zusammen mit meinem Vater. Er ist den ganzen Weg von der Schweiz gegangen, ich "nur" ab Leon (300 km). Mein Vater und ich hatten heftige Auseinandersetzungen, aber jetzt verstehen wir uns sehr tief und ruhig und wir haben Frieden. Auch in meinem Privatleben hat sich nachher viel verändert.
Allerdings war der Weg für mich körperlich sehr hart. Ich hatte alle möglichen körperlichen Probleme: die üblichen Blasen an den Füssen (einmal eine Blase in einer Blase drin mit Eiter), dann eine Sehnenentzündung am Schienbein, einen Umlauf am Zeigefinger mit viel Eiter, und ich wurde kurz vor dem Ziel von einem Wespenschwarm angegriffen mit 19 Stichen. Da war ich wieder alleine, weil mein Vater wieder zurück musste nach Hause. Wir haben eine elegante Lösung gefunden. Weil ich wegen der doppelten Blase nicht mehr laufen konnte, bin ich mit dem Bus nach Santiago gefahren und habe meinen Vater verabschiedet und bin mit dem Bus zurückgefahren und habe den Rest alleine gemacht, das heisst, ich habe nicht "beschissen" und bin wirklich die ganze Strecke ab Leon selber gelaufen.
Ich habe auch andere Leute gesehen, die körperlich am Ende waren. Ich erinnere mich an einen Mann, der im Hospiz auf den Knien herumgerutscht ist, weil seine Füsse kaputt waren. Ich empfehle, Zeit zu geben und sich zu erholen, dann geht es gut. In Spanien haben Jakobspilger Gratis-Arztpflege, nur die Medikamente bezahlt man selber. Nach den Wespenstichen holte man mich mit der Ambulanz ab, und ich bekam eine Spritze und Medikamente, die bezahlte ich bar, aber die Ambulanz und die Behandlung schenkte man mir. Ich finde das sehr grosszügig!
Was ich auch bemerkenswert finde, ist der starke Trieb, weiter zu gehen. Es heisst ultreia, ultreia (weiter, weiter)! Wir standen alle um 5 Uhr auf und um 6 Uhr waren die Hospizes schon leer. Am Anfang hatte ich grosse Mühe und ärgerte mich, aber dann gewöhnt man sich daran, loszumarschieren, wenn es noch dunkel ist. Auch nach dem Tag nach den Wespenstichen bin ich weiter marschiert trotz Fieber und Schmerzen am Rücken (ich musste den Rucksack vorne tragen), auch weil es der letzte Tag war und ich das Ziel mit Freunden, die ich auf dem Weg traf, zusammen erreichen wollte.
Es ist wichtig, auf den Körper zu hören und auch mal 1 Tag Pause zu machen und nicht zu marschieren. Denn der Gruppenzwang, weiter zu marschieren ist gross.
Ich denke, der heilige St. Jakob hat es mir nicht einfach gemacht. Aber es hat mir persönlich viel gebracht und ich danke dem Jakobsweg und den Erfahrungen, die ich davon mitgebracht habe.