Die kleine Angst
von Peter Wiermann
„Klein und einsam – alleingelassen – ungeliebt. So fühle ich mich in meinem Raum.Warum nur bin ich in diese Realität gegangen? Was suche ich hier? Um mich herum nur unendliche Dunkelheit. Aber was ist das? Ich fühle mich beobachtet – von oben her.“
“Hallo, wer oder was bist du?“ fragte die kleine Angst in die Richtung, aus der sie sich beobachtet fühlte. „Ich fühle, dass du da bist und fühle mich von dir beobachtet“, stellte die kleine Angst den Beobachter zur Rede.
„Oh – ich freue mich darüber, dass du mich wahrnimmst! Ich dachte schon, dass du so tief in dich selbst versunken bist, dass du mich gar nicht bemerkst. Wer ich bin und wo ich herkomme, willst du wissen? Ich bin ein Lichtstrahl und komme von der Sonne! Ich bin einer ihrer unendlich vielen Lichtstrahlen! Und was ich huckepack trage, ist Wärme, merkst du das, kleine Angst?!“
„Sonne – ich sehe keine Sonne, nur du bist da. Deine Wärme gefällt mir. Willst du mein Freund sein und mit mir spielen?“
Der Lichtstahl freute sich über das Interesse an seiner Gesellschaft und leuchtete noch ein wenig heller. Plötzlich wurde der Lichtkreis um die kleine Angst herum größer und größer. Im Schein des vor Freude sich ausdehnenden Lichtes erblickte die Angst seine Kameraden, die bisher völlig ohne Licht im Dunkeln kauerten.Sie erschraken und hielten sich die Hände vor ihre geblendeten Augen. „Mach das Licht wieder weg, es tut unseren Augen weh!“ jammerten sie im Chor.
Nun erwachte die kleine Angst aus ihrer Lethargie. „Wie könnt ihr nur so jammern, wenn sich der Lichtstrahl freut, uns ein wenig mehr Licht und Wärme zu bringen? Merkt ihr denn gar nicht, wie ihr das Licht mit eurem Gejammer beleidigt und traurig macht. Ihr nehmt ihm ja regelrecht die Kraft.“
„Oh – du kämpfst ja sogar für mich, kleine Angst, das beglückt mich sehr! Gerne möchte ich dein Freund sein!“ Freudestrahlend leuchtete es über seine Grenzen hinaus, so dass der Lichtkreis um die kleine Angst herum noch viel größer wurde. Als die kleine Angst das sah, stand sie auf und lief bis an den Rand des Lichtkreises und von dort aus wieder zurück bis zum gegenüberliegenden Rand.
Vor Freude über seinen größeren hellen Lebensraum begann die Angst zu tanzen und sie sprang sogar hoch in die Luft.
„Kommt Freunde, tanzt mit mir, dann geht es euch auch viel besser“, sprach sie die anderen furchtsamen großen Ängste an, aber die reagierten eher damit, dass sie sich flach mit dem Bauch auf den Boden legten und ihre Augen vor dem Licht verbargen.
Als der Lichtstrahl das sah, erschütterte es ihn sehr. Vor tiefer Ergriffenheit über so viel Liebe gegenüber seiner Kameraden verlor der Lichtstrahl ein paar Tränen. Diese Tränen trafen die kleine Angst genau auf ihren Kopf. Als der Lichtstrahl hinunter sah, begannen seine Tränen auf dem Kopf der kleinen Angst zu leuchten. Sie leuchteten so hell, dass es alle Dinge und auch die Körper der anderen Ängste durchstrahlte und ihre Herzen erwärmte. Geblendet, aber die Wärme genießend, die von ihrem eigenen Kameraden, der kleinen Angst, ausging, öffneten sie langsam ihre Augen und gewöhnten sich nach und nach an das helle Licht.
Als sie sich an das Licht vollends gewöhnt hatten und nun alle miteinander aufstanden, gingen sie staunend auf die kleine Angst zu, die eine gleißende goldstrahlende Krone auf dem Kopf trug. Die Krone hatte sich gebildet aus den kristallisierten Tränen des munteren Lichtstrahls.
Die kleine Angst nahm einen seiner Kameraden an die Hand und fragte ihn, ob er mit ihm tanzen würde. „Ja, sehr gerne, schließlich hast du uns die Augen geöffnet und nun merken wir, dass es gar keinen Grund gibt, weiterhin das zu sein, was wir bis jetzt verkörpert haben.“
Als der Lichtstrahl das hörte, freute er sich so sehr, dass er anfing zu vibrieren. Das merkte die Sonne und fragte den Lichtstahl, warum er sich denn so unbändig freute. Der Lichtstrahl zeigte der Sonne, was passiert war. Als die Sonne das sah, strahlte sie vor Freude noch heller und erleuchtete zusammen mit dem Lichtstrahl die gesamte Umgebung und die Seite der Erdkugel, die der Sonne zugewandt war. Ja, sie leuchtete vor Freude so hell, dass auf der anderen Seite der Erde auch noch so viel Licht ankam und die Ängste dort sich plötzlich fragten, was denn passiert wäre.
Schnell hatte sich die Freude über die Liebesgeste der „kleinen Angst“ herumgesprochen und die Ängste begannen überall aus ihrer Lethargie zu erwachen. Sie freuten sich schon auf die Lichtstrahlen, die am Horizont nun auch langsam in ihren Lebensbereich kamen.Die Ängste feierten seitdem ein Fest der Freude und luden den Lichtstrahl, die Sonne und die kleine Angst mit ihrer goldenen Lichtkrone jedes Jahr zur Weihnachtszeit in ihre Länder ein. Sie feierten so ausgelassen und so lange, bis die kleine Angst und der Lichtstrahl und auch die Sonne müde waren und sich schlafen legten.
Über die Veränderungen unter den Ängsten freute sich die Sonne so sehr, dass auch sie schließlich Tränen weinte. Sie weinte vor Freude so heftig, dass im Regen ihrer Tränen bunte Farben entstanden. Und so bildete sich ein bunter Bogen aus Licht. Darüber war die Sonne sehr überrascht und sagte es dem Lichtstahl und der sagte es seinem Freund, der „kleinen Angst“. Die kleine Angst hüpfte vor Freude so hoch, dass sie sogar den obersten Lichtbogen mit ihren Füßen berührte und darauf stehen blieb.
Die anderen Ängste klatschten heftig Beifall, als die kleine Angst auf dem lichten Farbenbogen der Sonne hinabrutschte. Alle lachten laut über den Mut der „kleinen Angst“, von so weit oben herunterzurutschen und erkannten, dass die „kleine Angst“ etwas auf dem Lichtbogen verloren hatte. Was war es nur, was da von der „kleinen Angst“ abfiel...?
Richtig, es war die ANGST!
„Ohhh – aber nun hat die kleine ..... ihren Namen verloren!“ riefen alle umherstehenden Ängste wieder im Chor.
„Dann lasst uns ihr einen neuen Namen geben!“
„Ja – welchen denn?“
Da meldete sich eine noch kleinere Angst und sagte: „Lasst sie uns Mut nennen!“
„Ja – das ist eine gute Idee, Mut, das ist ein schönen Name!“
Zur Taufe und zur Krönung der ehemaligen kleinen Angst, die ab jetzt stolz den Namen Mut bekommen sollte, erschienen als Ehrengäste die Sonne, der Lichtstrahl und viele Abgesandte der Ängste aus verschiedenen Ländern der Erde.
Alle waren überrascht, als nach den Zeremonien der gekrönte Mut begann, eine festliche Rede zu halten:
„Liebe Gemeinde der Ängste, lange haben wir in der Dunkelheit unser Bewusstsein verkümmern lassen und waren immer tiefer in Depressionen und noch tiefere Schluchten unseres traurigen Dasein gefallen - bis ein kleiner Lichtstahl plötzlich mein Spielkamerad sein wollte, als ich zu ihm hinauf sah. Ihm zu Ehren sollten wir alle einen neuen Namen annehmen und uns alle in Liebe von unserem alten Namen verabschieden. Ich schlage vor, dass jeder sich einen neuen Namen aussucht und ihn dann auch annimmt. Was haltet ihr davon?“
„Jaaaa“, alle schrieen ganz ausgelassen durcheinander: „Ich weiß einen neuen Namen für mich: Ich will Hoffnung heißen.“ – „Und ich bin die Zuversicht.“ – „Und ich der Optimismus.“ – „Ja, und ich will ab jetzt die Lebensbejahung sein.“ – „Und ich der Enthusiasmus.“ – „Ich das Vertrauen.“ – „Ich der Lebensmut.“ – „Ich die Zuversicht.“ – „Ich die Daseinsfreude.“ – „Und ich die Tatkraft.“ – „Ich die Heiterkeit.“ – „Und ich die Fröhlichkeit.“ – „Ich bin das Glück.“ – „Und ich die Ausgelassenheit.“ – „Ich bin die Lustigkeit.“ – „Ja, ich bin der Humor.“ – „Und ich die Harmonie.“
Die neuen Namen nahmen kein Ende – es gab sogar: Glücksstern, Füllhorn, Gedeihen, Honigmond, Wohlergehen, Segen, Wohlsein, Eden, Eldorado, Himmelreich, Lust, Glückseligkeit ...
Ein Blitz fuhr vom Himmel, der plötzlich pechschwarz wurde. Kein Lichtstrahl war mehr zu sehen. Was war geschehen?
Donnernd kam eine Stimme von oben und grollte folgende Worte hervor: „Wenn ihr meint, euer Fest ohne mich zu feiern, dann habt ihr euch geirrt! Ich bin die Ur-Angst – ich fühle mich von euch allein gelassen...!!!“
Kaum war die dröhnende Donnerstimme verhallt, sahen sich die ehemaligen Ängste an und beratschlagten sich. Alle waren sich einig: Unbedingt musste eine Lösung her. Sie konnten die Urangst so gut verstehen, weil sie ja aus ihr heraus geboren worden waren und sehr lange ihre Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel waren. Ja, sie waren alle irgendwie ihre Kinder...
Aus den dunklen Wolken, die sich im Kreise drehten und immer schneller zu drehen begannen, senkte sich ein schlauchartiges Gebilde Richtung Erde. Dieser Rüssel senkte sich genau über den „Mut“ hinab und saugte ihn wie ein Staubkorn vom Erdboden weg.
„Ohhhh nein – dass darf nicht wahr sein!! Die Ur-Angst hat unseren Freund, den Mut, einfach in sich aufgesaugt!
Aber dem Mut ging es gut, denn er wurde immer höher getragen in den Windungen des Wolkenwirbels, bis er den obersten Rand erreicht hatte. Dadurch, dass er vorher durch seine Freunde so sehr geehrt worden war und so viel Freude in sich trug, fühlte sich der Mut jetzt so federleicht, dass er auf dem äußeren Wolkenrand spazieren gehen konnte, wie auf einem sich drehenden Karussell.
„Warum tust du das – liebe Ur-Angst?“ fragte der Mut in den Wolkenwirbel hinein.
„Weil ihr alle nicht einen neuen Namen annehmen könnt, ohne dabei auch an mich zu denken. Ihr habt mich einfach vergessen – und damit eure Herkunft verleugnet!“
„Das tut mir sehr leid, wie kann ich das wieder gutmachen?“