Die mythische Verbindung des Weltenbaumes zum Himmel war für unsere germanischen Vorfahren an eine tatsächliche Beziehung zum Sternenhimmel gekoppelt. Es kann nicht bezweifelt werden, daß unsere Ahnen eine genaue Kenntnis über den Aufbau des Kosmos besessen haben. So wußten sie, daß der Planet Erde ein mikroskopischer Teil der Galaxis unserer Milchstraße ist, und daß das Band der Milchstraße unseren Globus wie einen Kreis umspannt. Es ist heute müßig darüber zu spekulieren, woher sie dies Wissen hatten, das in der abendländischen Kultur des Mittelalters erst wieder unter großen Mühen und Opfern etabliert werden mußte.
Die Beobachtung dieses Bandes unserer Milchstraße von der nördlichen Erdhälfte aus, veranlaßte unsere Ahnen dazu, daß Bild als den Stamm und die zwei Äste des Weltenbaumes Yggdrasil zu bezeichnen. Für unsere Vorfahren existierte der kosmische Baum also bereits auf mehreren Ebenen, auf der mythisch-himmlischen, auf der galaktischen Ebene, die als Gesamtheit der materiellen Welt verstanden wurde und schließlich nicht zuletzt auch auf der unmittelbaren Ebene der täglichen Wirklichkeit. Für sie war jeder Baum ein Abbild des kosmischen Baumes, und er war als solcher auch ebenso verehrungswürdig. Dies erklärt die tiefe religiöse Beziehung und Verehrung, die den Bäumen und Wäldern gerade im indogermanischen Bereich entgegengebracht wurde.
Der himmlische Baum,
das Band der Milchstraße am nächtlichen Sternenhimmel
Es ist in diesem Sinne vielleicht nicht weiter verwunderlich, daß die kollektive Sehnsucht der Menschen nach spirituelle Verwirklichung, für die das Bild dieses Baumes wie ein Versprechen steht, in ihrem Leben ihren Ausdruck suchte und fand im Lichterbaum, den sie dann zu Weihnachten, bzw. zum Fest der Wintersonnenwende aufstellten.
Otto Siegfried Reuter fand für diesen Zusammenhang anrührende Worte:
Es lebte der Himmel den frommen Vorfahren wie ein offenes, weit aufgeschlagenes, dichtgeschriebenes Buch, geziert mit leuchtenden Bildern, Märchen, Mahnungen, eine wahrhafte Gottesschrift, während die Bekehrer ein irdisches Buch brachten, dessen Inhalt weit weniger zu leuchten schien als der gestirnte Himmel. Die Gottesmacht offenbarte sich den staunenden, hinauf und über sich gekehrten Augen ihrer Verehrer und Bekenner so voller Wunder und Mären, daß sie Nacht für Nacht zu staunen finden und des Staunens nicht müde werden konnten. Der gläubige, fromme und ernste Sinn, der "den gestirnten Himmel über sich und das moralische Gesetz in sich" verehrte, fühlte sich heimisch im glänzenden Weltall, in der großen Gotteshalle, durch welche der unsichtbare Weltbaum mit den leuchtenden Sternen in dem blauen Nachtgezweig aufragte. Denn dieser Weltbaum ging mitten durch der Menschen Herz, der Weihnachtsbaum, der Jahr für Jahr an seinem Feste die Zeitfolgen überglänzte. Die große heilige Schrift des Himmels wurde von jedem gelesen, und die Schrift war von seltsamer Schönheit und schien unvergänglich, bis sie von den Bekehrern unleserlich gemacht wurde.
Zitiert mit Genehmigung des Autors aus:
Ulrich Wendlandt, Der Weg der alten Zauberer - Vom Ursprung magischer Stäbe, Cersken-Kanbaz-Verlag