Geliebte Arcus Arcanum und Chunya,
ihr wißt ja gar nicht, wie dankbar ich euch für diese Fragen bin. Ihr müßt nämlich wissen, daß ich gar nichts weiß. Das hört sich jetzt total komisch an. Aber ich weiß gar nichts wirklich. Wie kommt es, daß ich auf alle Fragen Antwort geben kann? Eben weil ich nichts, aber auch wirklich nichts weiß.
Stellt euch mal einen dummen Aushilfsbibliothekar vor. Die größte Bibliothek, die es überhaupt gibt, und der eigentliche Bibliothekar hat gerade Urlaub. Er hat jemanden eingestellt und ihm so nen Zettel in die Hand gedrückt, nach welchem Schema die Bücher geordnet sind.
Schon dieses Ordnungsschema ist so schwierig zu verstehen. Immerhin ist es wirklich die größte Bibiolthek des Universums, und sie sagt, daß sie die Bibliothek des Lebens ist. "Wir besorgen Ihnen jedes Buch". Ich hoffe einfach, daß ich es nun schon mal so ein bißchen verstanden habe, und versuche einfach immer wieder mal, solche Antworten zu finden. Und dann gibt es noch so komische Bücher, die "Präsenz"-bestand sind. Die sind überhaupt nicht ausleihbar. Man kann sie nur ER-leben und so direkt in sie hineinschauen. Die Leute fühlen sich dann immer angegriffen, wenn es heißt, daß man das nicht ausleihen kann.
Ja, das ist wirklich das undankbarste an diesem Job, daß man den Leuten erklären muß, wieso man doch nicht alles einfach so wissen darf, obwohl die Bibliothek die des Lebens ist und sagt: "Wir besorgen Ihnen jedes Buch." Ja, und die Beschränkung der Nutzer, das auch noch. Wer ein Buch ausleihen will, muß Student sein, Studienfach "Das Leben". Es ist eine nicht-öffentliche Bibliothek. Die Neugierigen, Naseweisen, Professoren und Oberschlauen dieser Welt, die sowieso schon meinen sie wüßten alles, können kein einziges Buch davon überhaupt verstehen.
Wie gesagt, eigentlich hat man nur Ärger mit dieser Arbeit. Kaum einer verirrt sich wirklich in diese heiligen Hallen der sapientiae aeternae, und wer kommt, der muß dann auch erstmal noch lernen, wie man Fragen stellt. Und wie die Antworten kommen. Und dann der Unverstand der Studenten. Aber naja, ich war ja auch mal einer.
Ich meine, nicht daß ich klagen will. Aber es ist doch wirklich mal nett, so neben der Arbeit einen kleinen Plausch zu halten. Dabei hatte ich noch nicht mal geplant, hier Bibliothekar zu werden. Eigentlich war ich nur ein ganz normaler Student. Naja, und dann war das Geld knapp und ich hab nach nem Job gesucht. Armer Student und so. Und was habe ich mich gefreut als ich diesen kleinen Zettel da im Anhang von so einem Allerweltsbuch fand.
"Aushilfe für Bibliothek des Lebens gesucht". gez. N.N. Das N.N. bedeutet ja nomen nescio, soviel wußte ich ja. Komisch, da sucht nen Unbekannter eine Aushilfe für eine seltsame Bibliothek. "Bibliothek des Lebens". Hört sich ja echt geheimnisvoll an. Naja, ich hab mich an die Adresse gehalten, die angegeben war, und bin mal hingegangen. War gar nicht so leicht zu finden, dabei war es direkt vor meiner Haustür. Komisch, daß ich die noch nie gesehen hatte.
Aber die Bibliothek selbst erst mal. Die ist vielleicht komisch. Die meisten Bibliotheken dieser Welt, die etwas gelten wollen, haben doch so prächtige Gebäude und große Eingangstüren. Diese hier gar nicht. So ein winziges Türchen. Gar kein Gebäude. Um da hineinzukommen, muß man erstmal den Hut absetzen.
Ja, und eigene Bücher darf man da auch nicht hineinnehmen. Man muß sich richtig entblößen, alles ablegen. Selbst die Fragen, die man hat, darf man nicht auf Zetteln mit hineintragen. Man darf sie sich nur direkt auf die Hand schreiben. Naja, und wenn man dann so nackt ist, dann muß man sich auch noch bücken, tief bücken, sonst kommt man nicht hinein. Selbst wenn man sich so tief gebückt hat, merkt man, daß man immer noch zu groß ist. Man muß sich hinhocken, wie ein kleines Kind, ja wie ein Baby werdend. Und den Daumen in den Mund steckend. Naja, so nackt und unbedarft, so öffnet sich wirklich diese komische Tür und die Haushälterin dieser Bibliothek kommt und trägt einen hinein. Ist das nicht witzig?
Wo war ich? Ach, ja, also, als ich in der Bibliothek ankam, da war ich ja froh. Endlich den Eingang gefunden. Und was hatte ich nicht alles für Fragen. Meine winzigen Hände waren in Lupenschrift völlig vollgekritzelt mit diesen Fragen. Der Bibliothekar sah mich und stellte mich also als Aushilfe ein. Der sah auch meine völlig vollgekritzelten Hände. Der konnte echt völlig durch mich hindurch sehen. Ich meine, ich dachte ja, daß ich nackt wäre, aber als er mich anguckte, das fühlte ich mich NACKT. Er guckte so mit riesigen Augen.
Und er schmunzelte. Er lächelte. Er kicherte. Erst leise glucksend, dann immer lauter, schließlich brach es aus ihm heraus, ein homerisches Gelächter, das durch die heiligen Hallen der Bibliothek donnerte. Ich fühlte mich aber nicht ausgelacht. Nein, das steckte einfach an. Ich prustete los, mir kamen die Tränen, selbst jetzt, wo ich das schreibe, habe ich Tränen des Lachens in den Augen. Ist das nicht einfach unglaublich?
Na, irgendwann wurden wir beide wieder etwas ernster, wenn auch immer noch still vergnügt. Er erklärte mir die Regeln, was ich machen muß als Aushilfe. Die wichtigste: Ich darf nicht einfach in die Bibliothek gehen und da nach den Antworten für mich suchen. Das war echt der Oberhammer. Da saß ich nun, ich armer Tor, mitten in der Bibliothek des Lebens, und war so klug wie ach zuvor. Ich war richtig ratlos, fast enttäuscht. Wozu hatte ich mir denn nun sorgsam alle meine Fragen auf die Hände und die Fußsohlen geschrieben?
Da eröffnete er mir grinsend, daß ich doch vielleicht, wenn mal ein Besucher kommt, ein Student, und der ein Buch ausleiht, dann, ja dann, dann müsse ich ja auch in das Buch hineinschauen, wenn ich es gefunden habe, ob es wirklich das richtige für ihn ist, nicht nur das gesuchte, sondern das richtige. Und wenn ich Glück hätte, dann wären da doch auch zufällig vielleicht ein paar Antworten für mich dabei.
Dann verabschiedete er sich, er sagte nur, daß er bald wiederkäme. Es stünden nämlich größere Umbaumaßnahmen an. Immerhin sei jetzt Wassermannzeitalter, und da sei ein großer Besucherandrang zu erwarten. Sie hätten schon so viele Neueinschreibungen für die Fakultät des Lebens. Und ich solle mir bloß keine Gedanken machen, er sehe schon, daß ich meine Arbeit gut machen werden würde. Wie er das nun schon wieder wußte? Ich hatte doch noch gar nicht angefangen, oder?
Naja, aber dann war ich ja ein bißchen getröstet. Allerdings muß ich ja sagen, daß die Anfragen, die da kamen, ja wirklich komisch waren. Was die Leut nich alles wissen wollen. So seltsame Sachen. Da war eigentlich nichts für mich dabei. Ich war aber auch wirklich voll beschäftigt, ich hatte gar nicht viel Zeit, mir um meine eigenen Fragen Gedanken zu machen.
Da war kein bißchen frei.Als ich aber dann doch mal so ein bißchen Luft hatte, guckte ich mal wieder meine Hände an mit den Fragen. Und ich war erschrocken. Da war eine kleine unbeschriebene Stelle in meiner Hand. Ich wußte genau, daß das nicht sein kann. Ich hatte doch meine Hände vollkommen vollgeschrieben. Ich versuchte mich verzweifelt zu erinnern, welche Frage da noch genau gestanden hatte. Sie war doch wichtig gewesen. Aber nichts. Keine Idee mehr.
Als ich dann wieder bei der Arbeit war und wieder ein Buch rausholte und in es hineinguckte, da fiel es mir plötzlich ein, was die Frage gewesen war. Und nicht nur das. Mir fiel plötzlich auf, ich erinnerte mich daran, daß eine von diesen komischen Anfragen, die ich bearbeitet hatte, genau dieselbe gewesen war wie meine eigene Frage. Gut, vielleicht ein wenig anders formuliert, aber doch dieselbe. Ich erinnerte mich dann an diese Studentin, und auch an das Buch, was ich ihr gab. Und wie ich da hineingeschaut hatte und gedacht hatte, ja, paßt schon.
Und dabei war es doch die Antwort auch auf meine Frage gewesen. Und ich hatte es nicht bemerkt. Ein Gedanke durchzuckte mich. Was, wenn das bei anderen Fragen eventuell auch so ist? Ich nahm mir vor, darauf doch ein bißchen aufzupassen und mal zu gucken, ob die Bücher, die ich auf diese seltsamen Fragen raussuche, nicht doch mehr mit meinen Fragen zu tun haben als ich so dachte.
Mir fielen zuerst weitere kleine Parallelen auf, so im Nachhinein. Doch dann änderte ich mein Vorgehen. Bei jeder neuen Anfrage guckte ich erstmal in meine Hände hinein, ob da nicht vielleicht auch eine ähnliche Frage geschrieben steht.
Als ich damit anfing, kam ich aus dem Staunen nicht heraus. JEDE, aber auch wirklich JEDE dieser Fragen von den Studenten hatte mit mir zu tun. Ich war wie vom Donner gerührt. Mein Mund hing offen. Ich muß wirklich ziemlich blöde ausgesehen haben. Im Herzen kam ein leises Kichern auf, was sich zu einem Lacher entwickelte. Dann doch wirklich ein echter Lachanfall, ich lachte Tränen vor Freude, vor Dankbarkeit und Rührung. Ist doch absolut unglaublich. Das würde mir bestimmt niemand glauben, wenn ich das erzähle.
In dem Moment tauchte der Bibliothekar auf. Er strahlte so. Er lächelte über das ganze Gesicht. Er reichte mir die Hand - wie zum Gruße, doch so komisch. Nicht wie ein Boß, sondern einfach so, ja so hm, freundschaftlich. Traue mich ja kaum das zu sagen, aber er bot mir seine Hand, wie wenn wir alte Freunde wären. Ich kam mir vielleicht komisch vor. Und dann sagte er: Ja, ich weiß nicht ob Zufall oder nicht, aber ich dachte, ich kann doch noch einen Bibliothekar gebrauchen. Die Anfragen werden so viele. Hättest du Lust, eine Lehre als Bibliothekar zu beginnen?
Ich ging in mich. Aushilfe in der Bibliothek war ja das eine, aber nun ne Lehre? Ich hatte mir mein Leben doch anders vorgestellt. Doch dann fiel mir wieder ein, daß ja wirklich jede dieser Anfragen mit mir zu tun hatte und meine eigenen Fragen berührte und beantwortete. Was konnte es eigentlich besseres geben? Und so sagte ich freudig und von Herzen: "JA".