Seitdem ich lesen und verstehen kann, gibt es eine Passage eines Buches, die mich seltsam berührt oder auch mitnimmt. Ich fühle mich irgendwie von diesen Sätzen angezogen. Es ist tiefe Philosophie, so tief, daß es vielleicht nur Menschen schaffen, davon angezogen zu sein, die wissen, daß das Leben endlich ist. Es ist der Schluss des Buches von Martin Andersen Nexö: "Ditte Menschenkind".
In diesem Buch geht es um das arme, entbehrungsreiche Leben eines Mädchens, was an der Härte, der Unmenschlichkeit und dem Leben an sich zugrunde geht. Ditte hatte einen angeborenen Frohsinn und eine Wärme und Güte für andere Menschen in sich und wird doch im Laufe des Romans brutal zerbrochen. Hier kommt der Schluß des Buches, welcher mich bis heute sehr berührt:
Zitat:
Es gibt anderthalb Milliarden Sterne im Himmelsraum und, soviel man weiß, anderthalb Milliarden Menschenwesen auf der Erde...
Man sollte fast glauben, die Alten hätten recht, die meinten, ein jeder Mensch werde unter seinem Stern geboren...
Jede Sekunde stirbt ein Mensch. Ein Licht erlischt, um nie mehr angezündet zu werden, ein Stern , der vielleicht ungewöhnlich schön geleuchtet, der jedenfalls sein eigenes, nie gekanntes Spektrum gehabt hat.
Ein Wesen, das vielleicht Genialität, vielleicht Güte um sich gestreut hat, verläßt die Erde; das nur einmal Gesehene – das Wunder , das Fleisch und Blut ward – hört auf zu sein.
Kein Mensch war eine Wiederholung anderer Menschen oder wird je selber wiederholt werden. Jedes Menschenkind gleicht den Kometen, die nur einmal in aller Ewigkeit die Bahn der Erde berühren und eine kurze Spanne Zeit ihren Weg über ihr dahinziehen – phosphoreszierend zwischen zwei Ewigkeiten von Finsternis.
Dann herrscht wohl Trauer unter den Menschen um jeder Seele willen, die die Erde verläßt? Um jede Bahre herum stehen sie wohl mit ernsten Gesichtern und sagen: Seht , was die Welt verloren hat und nie wiederbe-
kommt! Seht, welch seltsames Wunder diesmal die Erde geküsst hat!
Ach, Ditte war kein erloschener Stern.... Wie ein Schmarotzer kam sie an – jedenfalls wurde sie so empfangen... Als eine aus dem großen grauen Schwarm von anderthalb Milliarden nahm sie ihr Werk auf und machte sich nützlich... Sie war eine von unzähligen Namenlosen – ein Menschenkind, dessen Kennzeichen die stets rauen Hände sind.
In der Armenecke des Kirchhofs wurde sie begraben ... auf öffentliche Kosten, es war die einzige Ehrenbezeigung, die ihr in ihrem Leben erwiesen wurde.
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Ich sehe unsere Gesellschaft wieder auf dem Weg dahin. Die Reichen schröpfen die Armen, haben als Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen die Polizei, und werden immer frecher.
LG
Sam