Menschen wollen Vertrauen. Wieso eigentlich?
(Das habe ich mich heute gefragt. Und weil ich meine Gedanken zu wirr fand, hab ich sie aufgeschrieben und das ist dabei herausgekommen. Vielleicht haben einige von euch auch ein paar Gedanken dazu. Ich würde sie gerne hier lesen.)
Weil es sich mit Vertrauen gut leben lässt? Weil wenn man sich auf jemanden verlassen kann, das Leben mehr Tiefe besitzt und verbindet? Nein. Ich glaube, Menschen wollen vertrauen können, weil sie Angst haben.
Nimm einem Menschen alles weg: Job, Freunde, Partner, Familie, Geld oder gar Wohnung und Gesundheit und Du findest blankes Entsetzen und Panik, gewaltige Angst. Die ist nicht erst da, wenn es passiert, sondern sie ist schon immer da gewesen und wird geweckt. Man bemerkt sie nicht, weil sie begraben lag unter massenweise Schichten von Vertrauen. Vertrauen in den Partner, Vertrauen, das man in Freunde und Familie legt, Vertrauen zu Gott, Vertrauen in das eigene Glück. Es bildet sich oftmals dadurch aus, indem vertrauenstiftende oder ganz einfach beglückende Erfahrungen wiederholt werden. Mein Arbeitgeber hat mich letzten Monat bezahlt, er wird es kommenden Monat wieder tun. Mein Partner ist gestern neben mir aufgewacht, er wird wohl auch morgen wieder neben mir aufwachen… Dabei weiss man doch ganz genau, dass nahezu alles, was sich ständig wiederholt, sich eines Tages vermutlich nicht mehr wiederholen wird, sogar der eigene Herzschlag und vielleicht sogar der Sonnenaufgang.
Trägt man diese Schichten von Vertrauen alle ab, Stück für Stück für Stück – der Partner geht, die Freunde gehen, die Familie wendet sich ab, der Arbeitgeber, der Vermieter, und am Ende vielleicht sogar Gott –, dann liegt sie da, die Angst in ihrer ganzen Pracht.
Aber Angst wovor eigentlich? Angst vor Hilflosigkeit? Ja, sind wir denn wirklich so mächtige Wesen? Haben wir wirklich so viel Kontrolle über die Dinge und über uns selbst? Angst vor sozialem Abstieg und Scheitern? Ist es denn so wichtig, gesehen zu werden und beliebt zu sein? Angst vor Mittellosigkeit? Seltsam, Millionen von Menschen sind es, aber hat uns das jemals gejuckt? Angst vorm Sterben? Wir werden doch alle sterben.
Wir brauchen Vertrauen, um unsere Ängste zu vergessen? Für jede Angst suchen wir ein Vertrauen, das dafür Sorge trägt, dass sie weiterschläft? Und wenn es uns an Erfüllungsgegenständen für unser Vertrauen mangelt, dann forcieren wir es einfach? Wir sind nach einer Sekunde bis zum Anschlag verliebt, weil wir 10 Jahre Single waren? Wir sind sofort mit dem neuen Nachbarn oder einer Facebook-Bekanntschaft befreundet, weil wir keine Freunde haben? Erzengel Michael ist auf ein Mal unser engster Verbündeter, weil er uns hilft, einen neuen Job zu finden?
Ist es tatsächlich so, dass wir in etwas Vertrauen legen, um Sicherheit zu spüren, die unsere Ängste deckelt?
Clevere Menschen legen in etwas ihr Vertrauen, das niemals gehen kann: einen ewig liebenden gütigen Gott. Das ist etwas – mit schön viel Glauben gefüllt -, das einem mit schier unendlich viel Sicherheit erfüllt. Wer will Dir denn Deinen ewig liebenden Gott wegnehmen? Selbst wenn alles geht, er bleibt. Er ist in Deinem Kopf. Du hast ihn Dir ausgedacht. Du bricht Dir ein Bein? Kein Grund, nicht an ihn zu glauben. Dein Haus brennt ab, er hat damit nichts zu tun. Es sei denn, Du entscheidest es, dass es seine Schuld war und er Dich verraten hat und schon bricht alles zusammen.
Der gängigste Zugang zu Gott (ich nehme jetzt einfach mal eine populäre christliche Gottesvorstellung) ist eine Vorstellung im Kopf. Wir können sie erschaffen und wir können sie auflösen oder sie verändern. In fast jedem Fall aber ist sie erlernt. Einige wenige haben „Gotteserfahrungen“. Sie sind nie teilbar mit anderen, nicht wirklich beschreibbar und schon gar nicht erklärbar. Ein Verweis auf Authentizität? Aber: ein kräftiger Schlag auf den Schädel, eine Hirnläsion, die das Langzeitgedächtnis zerstört und Gott und die Gotteserfahrung sind futsch. Als hätte es sie nie gegeben. Der Schöpfer aller Dinge existiert auf einmal nicht mehr.
Vertrauen schafft Sicherheit und Sicherheit hält Angst in Schach, die schon immer da war. Und irgendwie scheint jede Angst – wenn man sie nur lange und konsequent genug analysiert – immer auf der Angst vor Schmerz, Leid oder Tod zu fußen. Dinge also, die uns ohnehin niemals erspart beliben. Oder hat jemand noch nie Schmerzen gehabt, gelitten oder ist unsterblich?
Samarpan sagte mal bei einem Satsang etwas zum Thema Sicherheit: Du willst Sicherheit? Du befindest Dich auf einer winzigen Kugel namens Erde, die sich mit tausenden von Kilometer pro Stunde in einem gigantischen Universum bewegt mit anderen Kugeln, die ebenso schnell durch Raum und Zeit flitzen. Das ist kein sicherer Ort. Dies hier ist ein Ort für Abenteuer...