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Alt 02.06.2006, 15:21   Teil 1 Wolf-Dieter Storl Der Medzinmann vom Herrenberg Beitrag #1 (permalink)
Rembrand
Om nama shivaya
 
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Teil 1 Wolf-Dieter Storl Der Medzinmann vom Herrenberg

Wolf-Dieter Storl. Seine Bücher mag ich sehr, sehr, sehr, sehr ...
Sein Umgang mit den Pflanzendevas beschreibt er sehr liebevoll. Seine Akademische Ausbildung, (Etnologie, Anthropologie, Botanik, schwerpunkt Ethnobotanik) führte ihn als Dozent, an verschiedene Universitäten in den USA, Indien und Schweiz. Auch war er für eine Zeit in Findhorn. Er lebt immer noch unter einfachen Bedingungen auf einem Bauernhof.
Bis vor kurzem war er ein langmähniger/bärtiger Zottelkopf. Kein üblicher Professor also.
Er beschreibt die Wirkungen der Pflanzen auf den menschelichen Körper, auf sein Bewußtsein und auf die morphogenetischen Felder der Erde. Mit vielen Annekdoten, Volkserzählungen etc. ist dies kombiniert. Selten so schöne Ausführungen über die Brennessel oder den Schachtelhalm gelesen. Auch die Wirkung der Alraune, der Zaunrübe, des Stechapfels wird sehr ausführlich behandelt. Was macht Genmanipulation aus den Pflanzen, welche Folgen hat dies für den Einfluss der Devas und weiter welchen Einfluss hat es auf den Menschen, der die Pflanze zu sich nimmt. Sein erzählender Schreibstil ist ein Genuss. Es sind einfach sehr schöne Bücher.
Nach dem untenanhängenden Text ist ein Link auf seine Web zu finden, mit Presseberichten, bzw. Seminarbeschreibungen und Terminen.


Der Medzinmann vom Herrenberg


Er ist einer der führenden Ethnobotaniker, und jede Universität würde ihm einen Lehrstuhl anbieten. Wolf-Dieter Storl zieht jedoch ein Leben in den Allgäuer Bergen vor. Eine Annäherung von Willi Dommer

Über schmale forstwirtschaftliche Schotterwege quäle ich mein Gefährt mühsam in den Allgäuer Bergwald hinauf. Immer wieder erwische ich die falsche Abzweigung und lande nach wenigen Metern vor einem stachelgespickten Weidezaun, der mir die Weiterfahrt verwehrt. Zum Wenden ist der Pfad zu schmal. Also hektisch rudernd wieder rückwärts bergab. Kein Mensch weit und breit, den ich nach dem Weg fragen könnte. Irgendwann - nach etlichen schweisstreibenden Fehlversuchen - erreiche ich Hof Herrenberg. Drei Hunde bellen lautstark im Vorgarten eines alten Fachwerkhauses.

Hier oben, zwischen Isny und Kempten, lebt Dr. Wolf-Dieter Storl, einer der führenden Experten im Bereich Ethnobotanik, mit seiner Frau und zwei Kindern. Im Winter ist die Familie oft wochenlang eingeschneit. Keiner kann ins Dorf hinab, niemand kommt hinauf - kein Briefträger, kein Arzt. Bereits im Frühjahr fängt Dr. Storl an, Fallholz aus dem Wald zu holen und in den einstigen Stallgebäuden aufzuschichten. Der nächste Winter ist gewiss, und dann wird der Herd in der Wohnstube ständig nach Nachschub verlangen. Auch um Lebensmittelvorräte muss man sich beizeiten kümmern.

Aus- oder Einsteiger?

Viele Menschen haben mittlerweile der Stadt den Rücken gekehrt - kein Vergleich zu der Abgeschiedenheit, die ein Leben auf Herrenberg mit sich bringt. Was bewegt einen Menschen, dem eine glänzende Karriere an der Uni bevorstand, derart konsequent auszusteigen? Immerhin hatte Wolf-Dieter Storl schon als 24-Jähriger die Lehrbefugnis an der Kent State University in Ohio, unterrichtete als Gastdozent in Wien, erwarb den Doktorgrad an der Universität Bern. Er betrieb ethnobotanische Forschungen bei den Cheyenne in Wyoming, unternahm Studienreisen in die Türkei, nach Israel und Bangladesh. Dazwischen immer wieder Lehraufträge an US-Universitäten.

´Als Völkerkundlerª, sagt Storl, ´wird man leicht über den Rand des gesellschaftlich akzeptierten Weltbilds hinausgeschleudert.ª Durch den engen Kontakt mit anderen Kulturen betrachtete man die eigene Gesellschaft allmählich von ausserhalb. Immer wieder habe es Ethnologen gegeben, die den Weg zurück nicht mehr fanden. So etwa ein amerikanischer Kollege, der die Kultur der Zuni-Indianer vor Ort erforschte. Seine Berichte ans Institut wurden im Laufe der Zeit immer spärlicher, blieben schliesslich ganz aus. Als ihn eine Abordnung von Forschern aufsuchte, fand sie ihn reglos dasitzend, in eine indianische Decke gehüllt. ´Ich gebe keine Geheimnisse meines Volks preisª, beschied er den Besuchern. Er war gewissermassen zum Indianer geworden. Im Jargon der Ethnologen: ´Der hat sich zu sehr mit seinem Forschungsobjekt identifiziert.ª

Dr. Dreadlock

Wer Wolf-Dieter Storl nicht kennt, mag vielleicht denken, er habe der modernen Gesellschaft ebenso entsagt wie jener US-Ethnologe. Immerhin lebt er sehr abgeschieden, nimmt entsprechende Strapazen auf sich. Mit seinen Dreadlocks und dem langen Bart entspricht er kaum dem gängigen Bild eines Akademikers. Doch der Eindruck täuscht. Storl ist ein erfolgreicher Buchautor, schreibt für wissenschaftliche Magazine, ist ein gefragter Referent auf Kongressen und wird von TV-Talkern wie Jürgen Fliege oder Reinhold Beckmann zu Sendungen eingeladen. Und wenn er dort über den Geist der Pflanzen spricht, dürfte ein konventioneller Wissenschaftler entsetzt mit den Augen rollen.

Wem hat er sein Wissen über die Wirkung von Heilpflanzen zu verdanken? ´Vor allem meiner Grossmutterª, sagt Storl, 1942 in Sachsen geboren und als Zwölfjähriger mit seinen Eltern in die USA ausgewandert. Die Grossmutter stammte aus dem Erzgebirge; das Sammeln und der Handel mit Heilkräutern hatten in ihrer Familie Tradition. Zeitlebens war die Frau nie beim Arzt gewesen, und der Enkel folgt längst ihrem Beispiel. Er kuriert seine Leiden mit der Kraft der Pflanzen und Kräuter, die er im Wald findet oder im Garten gepflanzt hat. Vor etwa zwanzig Jahren hat er aufgehört, Bart und Haupthaar zu stutzen. ´Ein Bart verbindet mit den Erdkräftenª, erklärt er. Der bekannte Ethno-Pharmakologe Christian Rätsch habe mal bemerkt, dass alle guten Botaniker lange Bärte hatten. Und dann gibt's ja noch die Künstlermähne.

Mit Pflanzen sprechen

Während seiner Lehrtätigkeit am Sheridan College in Wyoming hat Wolf-Dieter Storl den Cheyenne-Medizinmann Bill Tall Bull kennen gelernt. Mit ihm ist er durch die Wälder gestreift, über die Prärie gewandert und hat viel über die Beziehung der Indianer zur Natur erfahren. ´Ich habe gedacht, Bill würde mir alles Mögliche über Heilpflanzen erzählenª, erinnert sich der Ethnobotaniker. ´Doch wirklich gelernt habe ich durch die Art, wie er mit den Pflanzen umging. Die Cheyenne reden nicht über die Pflanzen, sondern mit ihnen.ª Anders ausgedrückt: Die Medizinmänner und Schamanen der Naturvölker öffnen ihr Bewusstsein gegenüber dem Pflanzengeist, der sich in Visionen oder Träumen zu erkennen geben kann.

Storl hat selbst erfahren, wie eine Heilpflanze Kontakt zu dem Menschen aufnimmt, der sie gerade braucht. ´Vier Monate lang hatte ich von morgens bis spät abends an der Schreibmaschine gesessenª, erinnert er sich. ´Kaum mit dem Manuskript fertig, warf mich ein Fieber um, gefolgt von einer schweren Lungenentzündung. In der Nacht erschien mir im Traum ein gelbes Blümchen, freundlich strahlend wie die Sonne. Als ich am nächsten Morgen auf die spätwinterliche Landschaft hinausblickte, entdeckte ich an einer Böschung tatsächlich kleine gelbe Blümchen: Huflattich.ª Er braute sich einen Tee aus den Blüten auf, und kurze Zeit danach war der Infekt verschwunden.
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Alt 02.06.2006, 15:22   Teil 1 Wolf-Dieter Storl Der Medzinmann vom Herrenberg Beitrag #2 (permalink)
Rembrand
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Teil 2 Wolf-Dieter Storl Ethnobotanik

Ein freier Mensch

Die materialistisch geprägte Zivilisation und besonders die moderne Naturwissenschaft tun sich indes schwer mit dem Gedanken, dass die Natur beseelt sein könnte. Je mehr Storl über die Beziehung der Indianer zu den Pflanzen erfuhr, desto schmerzlicher wurde ihm bewusst, wie weit er sich als Wissenschaftler von der Natur entfernt hatte. Wie ´in Zellophan gepacktª habe er sich gefühlt. Die Loslösung vom universitären Betrieb nahm ihren Lauf. Und der war durchaus nicht gradlinig: Ethnologiestudium in Wien, ethnografische Feldforschung im Emmental, biodynamisches Gärtnern im Kanton Genf, Reise nach Indien. Irgendwie führte ihn der Weg nach Friesland, wo er begann, sein Wissen vom Wesen der Pflanzen in Büchern niederzuschreiben. Und schliesslich ins Allgäu. ´Jetzt bin ich ein freier Menschª, sagt er. ´Das ist es mir wert.ª

Hof Herrenberg war lange Zeit ein Rittersitz und ging später in den Besitz des Benediktiner-Ordens über. 1188 wurde das Gut erstmals urkundlich erwähnt. Interessanterweise ist Storl 11/88 hier eingezogen - im November 1988.

Hat er eine besondere Beziehung zu dieser Gegend, nachdem er durch die halbe Welt gereist ist? Er habe noch nie so lange an einem Ort gelebt wie hier, sagt Storl, sei eigentlich immer auf der Suche nach einer verlorenen Heimat gewesen. ´Heil sein bedeutet auch, in Verbundenheit mit der Gegend zu leben, nicht abgetrennt von ihr.ª Ihm sei nicht daran gelegen, indianische Rituale nach Europa zu verfrachten. ´Unsere Pflanzen und Riten gehören nach Amerikaª, hatte Bill Tall Bull damals betont. ´Suche bei euch. Frage die Pflanzen, frage die Tiere.ª Überdies gebe es ja durchaus eine heimische Tradition heilkundlichen Wissens: von Hildegard von Bingen über Sebastian Kneipp bis hin zu Maria Treben.

Als ich auf Hof Herrenberg ankomme, giesst Storl gerade die Blumen in der winzigen Holzkapelle neben dem Haus. Sie wurde im Mittelalter errichtet und ist dem heiligen Rochus geweiht, dem Pestheiligen. Früher haben die Menschen Besen aus Birkenreisern an den kleinen Altar gestellt und um die Fürsprache des Heiligen gegen die Seuche gebetet. Heute kommen Gläubige aus der Umgebung hierhin, um die Befreiung von Hautleiden zu erbitten. Zwei Reisigbesen stehen an diesem Tag dort. In dem kleinen Raum duftet es nach orientalischem Räucherwerk. Das Bedürfnis nach Heilung ist schliesslich keine Frage der Religion oder Konfession und ihrer Äusserlichkeiten.

Vom leeren Geist

Zu viel religiöses oder esoterisches Vorwissen ist ohnehin hinderlich, wenn man mit dem Wesen der Pflanzen Kontakt aufnehmen will. Bei Meditationen in seinen Seminaren hat Storl festgestellt, dass sich gerade jene Menschen schwer tun, die Unmengen von esoterischen Büchern verschlungen haben. ´Der Geist muss leer werden, um sich dem Pflanzenwesen zu öffnenª, erklärt er. ´Angelesene Vorstellungen über das, was bei einer Meditation geschehen sollte, erschweren eine wirkliche Verbindung zu den Wesenheiten. Solche Leute fantasieren alles Mögliche hinzu und erfahren in Wirklichkeit nichts.ª

Ich möchte Hof Herrenberg nicht ohne einen Eindruck von Storls Garten verlassen.

Zunächst kommen wir in einen Bereich, der sich von einem üblichen Vorzeigegarten kaum unterscheidet: akkurate Gemüsebeete, parallel angeordnet, beiderseits eines Mittelwegs. ´Das ist der Oberkörper mit den Rippenª, erklärt Wolf-Dieter Storl, der den Garten anthromorph, also dem menschlichen Körper entsprechend, angelegt hat. Das Herz wirkt schon ganz anders: ein üppig bewachsenes Rondell mit mir völlig unbekannten Gewächsen. Der Gärtner wühlt mit beiden Händen in dem Wust von Blättern und Stängeln herum, um mir seine Helfer zu zeigen. Zu meiner Verblüffung handelt es sich um vier Gartenzwerge. Jeder von ihnen hat einen Namen und seine Aufgabe. Einen hebt er hoch: ´Frickª heisst er und malt die Blüten bunt. ´Die Figuren personifizieren die unsichtbaren Kräfte im Gartenª, erklärt Storl. Zu Beginn der dunklen Jahreszeit werden sie ins Haus geholt und finden ihren Platz am Herd - dem Herz des Hauses. Die Kinder freuen sich jedes Jahr darauf, die ´Heinzelmännchenª in der Adventszeit neu anzumalen. Frisch koloriert ziehen die Kobolde im Mai wieder im Garten ein.

Unterhalb dieses Herzens: ein Komposthaufen, ein Feuchtbiotop und ein regelrechtes Durcheinander von Gräsern und sonstigen Gewächsen, die viele als Unkraut einstufen würden. ´Der Unterleib des Gartensª, erläutert Storl und klärt mich über die Heilwirkung jeder einzelnen Pflanze auf. Er pflückt mir einen Strauss Schachtelhalm gegen meine hartnäckige Nagelbett-Entzündung: ´Zehn Minuten kochen, dann zehn Minuten die Fingerspitzen darin badenª, rät er. ´In einer Woche müsste die Entzündung weg sein.ª

Dem Kompost gilt seine besondere Liebe. ´Darin liegt das Geheimnis eines gesunden Gartensª, sagt er, greift mit beiden Händen in die dunkle erdige Masse und hält sie mir an die Nase: ´Der Geruch des Lebens´


Dies ist eine sehr schöne Page. Hier finden sich Bücher, Pressmitteilungen, Seminartermine.

http://www.storl.de/
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Alt 19.06.2006, 21:21   Teil 1 Wolf-Dieter Storl Der Medzinmann vom Herrenberg Beitrag #3 (permalink)
Rembrand
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Zarathustra I

Zarathustra

Irgendwann vor dreitausend Jahren - die Gelehrten streiten sich noch immer um die genaue Zeit - erlebte Zarathustra (Griechisch Zoroaster), der "Kamelreiche", beim Hüten seiner Herden eine gewaltige, neuartige Gottesoffenbarung. Es war eine Vision, die die Welt bis heute nicht hat zur Ruhe kommen lassen. In der Einsamkeit der karstigen Gebirgssteppe im östlichen Iran erschien ihm eine Lichtgestalt, ein Engel des "weisen Herrn", des Ahura Mazda, und offenbarte ihm die Wahrheit. Es ist diese Offenbarung, die die Wurzel des westlichen Religionsverständnisses bildet. Nicht nur die "Feueranbeter" Persiens und ihre Priester, die Magier (Magi) und die Parsen Indiens zehren noch heute von dieser Botschaft, sondern auch das Judentum, Christentum und der Islam sind seine Geisteskinder. Es kommt nicht von ungefähr, dass bei der Geburt des jesus von Nazareth drei Magier, die sogenannten Weisen aus dem Morgenland, an der Krippe Pate standen.

In den östlichen Religionen gibt es Gut und Böse an sich nicht, außer als Täuschung (Maya)
Oder als Spiel Gottes (Lila). So kann Shiva den Seelen, je nach ihrer Verfassung, als Gott oder als Teufel erscheinen, ohne dass dies ein Wiederspruch wäre. Zarathustra aber sieht dies anders. In seiner Schau zerfällt die Welt in die Gegensätze Wahrheit und Lüge, Weiß und Schwarz, Gut und Böse. Ein unversöhnlicher Gegensatz, eine Kluft ist aufgetan, die nicht zuüberbrücken ist, sondern von den Menschen, von jedem einzelnen, eine ethisch-, moralische Entscheidung fordert.

Dem guten Schöpfer Ahura Mazda steht der "böse Geist" Angra Mainyu (Ahriman) gegenüber. Ahura Mazda verwaltet das Asha (Recht, Gerechtigkeit, Ordnung, Wahrheit), also das Dharma, während Ahriman den Trug (Druj) verbreitet. Die bedingungslose Schlacht zwischen diesen beiden Prinzipien wird im Makrokosmos der Natur ebenso wie im Makrokosmos der einzelnen Seelen Ausgetragen.

Ahura Mazda ist Herr und Gott. Er hat keine Frau wie die Indischen Götter, und keine besonderen Legenden und Geschichten umranken seine Lichtgestalt. Er ist der Schöpfer, der alles Gute erschuf: das herrliche Stirnengewölbe, den Urstier, den Menschen, Kühe, Hunde, die Erde, die Engel, und sämtliche Tugenden. Sein Widersacher, der Höllenfürst, dagegen verdarb die Schöpfung in dem er das Schlechte machte, das darin zuu finden ist: bewegliche Planeten, Schlangen, Ratten, Reptilien, Fliegen und anderes Ungeziefer, alles Unreine und Verpestete, alles Hässliche und Tugendlose, allen Lug und Trug. Am Anfang der Zeit, zu Beginn der vier Weltenalter vor zwölftausend Jahren, drang der boshafte Ahriman in die Welt ein. Er tötete den Urstier ind den Urmenschen Gayomart, wobei die Physische Materie, die Sexualität und die Leidenschaft entstanden. So wurden das Helle und das Dunkle, das Gute und das Böse arg durcheinandergemischt. Es ist die Absicht des Höllenfürsten, die Schöpfung restlos zu verderben, aber Gott und seine himmlischen Heerscharen (Amesha Spentas), die guten Geister, vereiteln das.

Die Nachfolger der zoroastrischen Lehre glauben, das sich die Lage ständig verschlechtere. Ahura Mazda vernahm das Seufzen der geschundenen Kreatur und schickte Zarathustra, um die rechte Lehre zu verbreiten. Er wurde von einer reinen Jungfrau geboren, die beim Baden in einem heiligen See geschwängert wurde. (Der Same der ihn zeugen sollte, war seit Anfang der Zeit in dem Seewasser aufbewahrt worden.) Der Prophet verdammte die strenge Askese ebenso wie die rauschhafte Ekstase. Der beste Weg, um die in der Materie gefangenen göttlichen Lichtpartikel wieder aus der Dunkelheit herauszulösen, sei die nüchterne, schlichte Bauernarbeit, das Hegen und Pflegen das Viehs und der Äcker. (Weil Zarathustra für die Wertschätzung der landwirtschaftlichen Arbeit eintritt, feiern die theosophischen und anthroposophischen Esoteriker ihn als den großen Eingeweihten, der den Landwirtschaftlichen Impuls aus höherer Ebene herableitete.) Er spricht sich gegen Rauschtrank und Drogenekstase, wie auch gegen blutige Opfer aus; er predigt den Schutz der Kühe und die Reinhaltung der Elemente. (Seither dürfen die Leichen seiner Anhänger weder in der Erde vergraben, im Wasser versenkt, noch im Feuer verbrannt werden.)

Einen Endkampf, eine Apokalypse, prophezeit er, wobei der Teufel Ahriman und sein Gefolge geschlagen und auf ewig in die bodenlosen Tiefen der Höllen verbannt werden. Ein Heiland, ein Saoshyant, wird kommen. Die Toten werden auferstehen und zum letzten Gericht erscheinen. Dabei werden sie von ihrem Gewissen, das ihnen als weibliches Wesen erscheint, über eine messerscharfe Brücke geleitet werden. Den Guten erscheint es als Engelsgestalt und leitet sie ins Paradies. Den Bösen erscheint es in einer schrecklichen Gestalt, dass sie das Gleichgewicht verlieren und Hals über Kopf in den brodelnden Höllenschlund stürzen. Zuletzt wird ein Strom aus glühenden Metall die Erde vernichten.

Interessant an der Vision Zarathustras ist die Umdeutung der alten Götter, der Daevas (Sanskrit Devas). Sie werden als Teufel definiert, als Gefolgsgeister des Ahriman. Ausdrücklich werden die vedischen Götter angeprangert, wie der Donnerer Indra, die Himmelszwillinge Ashwins und Sarva, der kein anderer als Rudra-Shiva ist. Aus dem alten Aryaman, einem Sohn des Himmels und Herr der Sehnsucht nach spirituellem Aufstieg, wurde der Oberteufel Ahriman. Den Deva-Anbetern wird mit der Hölle gedroht. Die Ahuras
Dagegen, mit Ahura Mazda an der Spitze, werden zu den guten Gegnern der bösen Devas.
(Ahura Mazda ist eigentlich kein anderer als der umgewandelte Himmelsherr und Ordnungshüter, der Asura Varuna.) In den altsn vedischen Schriften erscheinen sie als Asuras (Sanskrit Asu = Hauch, Luftzug) und sind, wenn auch Antigötter, weder sonderlich gut noch böse. Erst in den späten Schriften (Brahmanas) treten sie als Gegner der Devas auf. In den Upanishaden heißt es, dass Devas und Asuras am Anfang gleich waren, aber die Götter wurden göttlich, weil sie die Wahrheit liebten, die Asuras wurden schlecht, weil sie ihren eigenen Vorteil bevorzugten. In den Volkserzählungen heißt es, die Götter seien dem Atem Brahmas entsprungen, die Asuras dagegen seinen Darmwinden.

Beim Buttern des Urozeans teilten sich die Götter und die Antigötter die Arbeit des Quirlens. Dabei werden die Asuras um den ihnen zustehenden Anteil am Trank der Unsterblichkeit geprellt. Sura ist ein berauschendes Getränk, in Wein, der in einem Atemzug mit Soma genannt wird. Die Asuras sind demnach "Nicht-Trinker" (A-Suras). Im Gegensatz zu den Göttern, die manchmal Suras genannt werden und die ständig auf den Fittichen gehobener Stimmung schweben, sind die Asuras nicht "high", nicht angetörnt, nicht ekstatisch berauscht.

Wir sehen also eine völlige Umkehrung und Umwertung der übersinnlichen Soziologie, die sich unter Zarathustra vollzog. Für ihn und seine Nachfolger sind die Anhänger der Devas trunkene, berauschte "Götzendiener". Und was dieser Anschauung nach die Anbeter Shivas betrifft, da besteht wohl kaum Zweifel: Es sind verruchte Teufelsanbeter!

Das Bild des Satans in den westlichen Religionen geht auf Zarathustras Verdammung der Devas, vor allem der Verdammung Shivas zurück. Shiva ist der hochmütige Luzifer, der sich nicht vor dem Schöpfer verbeugen wollte und deswegen aus dem Heiligtum ausgestoßen wurde. Der aschebeschmiert Ekstatiker, der gerne mit seinem wilden Gefolge auf den Scheiterhaufen der Verbrennungsstätte (Sinnbild für die vergängliche Welt) tanzt, wurde zum schmutzigen Teufel verkehrt, der um das Hollenfeuer tanzt in dem die Verdammten schmoren. Sein Dreizack wurde zur Teufelsgabel und Tierfälle, in die er sich kleidet, zu seinem Haarpelz. Auch seine scheinbar zügellose Sexualität, sein praller Phallus Lingam, seine Rauschsucht, seine Faulenzerei, das Betteln und die ihn schmückenden Schlangen wurden gründlichst dämonisiert. Die Mondsichel, die als Diadem seine Haarpracht ziert, konnte leicht zu Hörnern umgedeutet werden, wodurch er mit anderen Hörnertragenden heidnischen Schamanengöttern (Pan, Cernunnos, usw.) identifiziert wurde.

Mahadevs Schlangen wurden in Zarathustras Augen zum reinsten Zeichen für das verabscheuungswürdige Böse. In älteren Kulturen dagegen war das Kriechtier Sinnbild des sich immer neu gestaltenden Lebens, das Heilung (beispielsweise die Äskulapnattern) und der Fruchtbarkeit. Schlange und Muttergottheit gehörten zusammen wie Linga und Yoni. In Schlangengestalt kriecht die Gottheit in die dunklen Schlupflöcher der Erde und befruchtet die Erdmutter.

Noch heute lebt in Indien der Glaube, dass Kobras unfruchtbare Frauen fruchtbar machen. Zum Schlangenfest, dem Naga Panchami, werden giftige Brillenschlangen gefangen und von Kinderlosen Frauen wie Gottheiten verehrt, bevor sie wieder freigelassen werden. Auch in der Bibel verführt die kluge Schlange das Weib, die Mutter der Menschheit, am Weltenbaum. Eine islamisch-persische Legende erzählt, dass die Frauen mit der Monatsblutung bestraft wurden, weil Eva mit der Schlange gebuhlt habe. Nach dem katholischen Glauben war es erst die unbefleckte himmlische Jungfrau Maria, die die "alte Schlange" wieder unter ihre keuschen Füße in den Staub trat.

Wie das Bild des im Feuer tanzenden Teufels, so entstammt auch das der reinen, mit Federschwingen beflügelten, lange weiße Gewänder tragenden Engel und Erzengel der zarathustrischen Imagination. Selbst unser Bild vom lieben Gott, den man sich als strengen, aber gütigen alten Mann mit wallenden Bart und im langen weißen Nachthemd vorstellt, geht auf die zoroastrische Darstellung des Ahura Mazdas zurück.
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Alt 19.06.2006, 21:32   Teil 1 Wolf-Dieter Storl Der Medzinmann vom Herrenberg Beitrag #4 (permalink)
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Zarathustra II

Uns, die wir im jüdisch-christlichen Westen aufgewachsen sind, erscheinen diese Ideen gar nicht so fremdartig. Sie sind und bereits aus dem Alten Testament geläufig, denn die alten Hebräer haben vieles von den Zarathustrapriestern übernommen. Als im Jahre 587 v. Chr. Jerusalem von Babylonischen Götzen und Muttergottheitsanbetern dem Erdboden gleichgemacht wurde, wurde das "auserwählte Volk" in alle Winde verstreut. Viele kamen in die "babylonische Gefangenschaft".

(An den Wassern von Babel, da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten" Psalm 137) Fünfzig Jahre danach schlug der zarathustrische Perserkönig Kyros II. die Babylonier, befreite die Hebräer und ließ die verwüstete Tempelstadt Jerusalem wieder aufbauen. Gleichzeitig gelangten viele Lehren ihrer zarathustrischen Gönner in den jüdischen Glauben. Ein universaler allmächtiger Gott ersetzte den stürmischen Stammesgott, der sich einst auf dem Berg Sinai offenbart hatte. Es entstand der Glaube an den absoluten Gegensatz zwischen dem gerechten Gott und dem gefallenen Satan (Shaitin), an die Engelshierarchien, an den kommenden Messias, an den "heiligen Geist", der vom himmlischen Vater ausgeht, an die Entscheidungsschlacht (Armageddon) zwischen Gut und Böse, an die Auferstehung des Leibes am jüngsten Tage und das letzte Gericht, an die Belohnung im ewigen Himmel oder die Verdammnis in der Hölle (Satans Hölle ersetzt den Glauben an einem unbestimmten Ort der Schatten, Sche´ol).
Auch das enthaltsame, arbeitsreiche Leben der weißgekleideten Essenermönche, die in ländlichen Kommunen am Toten Meer den "Lehrer der Gerechtigkeit" erwarteten, trägt ganz das Siegel der zarathustrischen Weltanschauung. Johannes der Täufer und wahrscheinlich auch Jesus kamen aus solchen Gemeinschaften. Besonders in der letzten Zeit der römischen Besetzung schlug die Messias-Erwartung hohe Wellen.

Die Gestalt eines Zarathustra, eines vom Gerechtigkeitswahn besessenen, predigenden Moralpropheten, weicht sehr von der eines Sadhu, eines schamanische Ekstatikers oder eines buddhistischen Bettelmönches ab und lebte in den alttestamentarischen Propheten und allen darauf folgenden christlichen und muslimischen Eiferern fort. Wir sehen ihn in Mohammed ebenso verkörpert wie in Jean Calvin, dem Vater der Puritaner, in den amerikanischen Erweckungspredigern wie auch in dem moralischen Karl Marx. In der um Reinheit ringenden und dem Satan die Stirn bietenden Gestalt des Ayatollah Chomenei ist er wieder in seiner persischen Heimat aufgetaucht. Und zu aller letzt in Osama bin Laden.

Nachdem der Heide "Alexander der Verfluchte" (so bezeichnen die Parsen den mazedonischen Eroberer noch heute) das stolze Perserreich in Schutt und Asche legte und die heiligen zarathustrischen Schriften verbrennen ließ, begann der Stern dieser Religion zu verlöschen. Ihre Grundideen pflanzten sich jedoch erfolgreich fort, nicht nur im Judentum oder im Christentum, sondern auch in Strömungen, wie dem Manichäismus, der seinerseits viele ketzerische und esoterische Richtungen beeinflusste. Auch der Islam, der dem Satan und allen Götzen den totalen Krieg angesagt hat, erweist sich, was seine Glaubensinhalte - das fünfmalige tägliche Beten, die abstrusen Reinheitsgebote, die Obsession mit den Körpersäften (Speichel, Sperma, Mensis, Blut) - betrifft, als wahres Enkelkind des Zarathustra.

Die Botschaft ist immer wieder die Gleiche, vom selben Dramatiker geschaffen, nur auf den verschiedenen Bühnen jeweils anders inszeniert. Das Drama nimmt seinen Anfang mit der Schöpfung und läuft gradlinig bis zum glücklichen Ende. Dazwischen liegt der spannende Kampf zwischen dem Schöpfer und dem Zerstörer, das Herabkommen eines Verkünders des wahren Wortes (Prophet oder Heiland) und die Aufforderung, persönlich am Endsieg des Guten mitzuarbeiten. Auch der Marxismus, eine moderne, säkulärer Ausgeburt dieses Geistes, weicht von dem Schema nicht ab: Paradieszustand (Urkommunismus), Sündenfall (Profitsucht), Kampf zwischen dem Guten (wertschaffende Werktätige) und den Bösen (Ausbeuter), das Prophetenwort der Trinität Marx, Engels, Lenin, Endkampf (Klassenkampf), Gericht (Enteignung) und Endsieg des Guten (Zeitalter der allgemeinen sozialen Gerechtigkeit). Und die neueste Version dieses Dramas ist der Kampf George W. Bush gegen das heimtückische Böse.

Die Erde läuft gut
Würde man sich zu einem aschebeschmierten shivaitischen Sadhu in den Schatten eines Pipalbaumes stzen und ihm dieses grandiose Drama darlegen - wie es so manche

Missionare getan haben - , dann würde er wohl schmunzeln, den Kopf schütteln und sagen: "Das was ihr da Wirklichkeit nennt, ist doch nur eine der unzähligen Wirklichkeiten in unzähligen Universen, und wenn sie von vielen geglaubt wird, ist das eben Massenwahn. Der Ablauf der Geschichte ist doch nur das Rad des Samsara, das ewige Kreisen der Illusionen, das Spiel Shivas. Wo soll es da einen Anfang, ein Ende oder gar einen Vollendung geben ? Es ist doch schon alles vollendet".

In gewissen Sinne hat Bhagwan Shree Rajneesh (Osho) Recht, wenn er meint, es gebe im Grunde genommen nur zwei Religionen, und die "Wasserscheide" zwischen beiden sei das Hochland von Iran. Auf der einen Seite sind die verschiedenen Richtungen des jüdisch-christlich-islamischen Bekenntnisses, auf der anderen das vom indischen Denken ausgehende Weltbild Süd- und Ostasiens (Hinduismus, Buddhismus, Jainismus, Daoismus). Hier herrscht nicht die Vorstellung, dass Gut und Böse unversöhnliche Gegensätze sind, wobei man das Böse bis aufs Messer bekämpfen muss. Die Gegenüberstellung gilt als der wahnhafte Zustand unseres sich von der Ganzheit abkapselnden Ego´s. Nur das Ego - auch wenn es sich scheinbar selbstlos auf die Gemeinschaft überträgt - sieht sich in einem verzweifelten Kampf gegen Tod und Finsternis. Es steht schlecht um das sterbliche, beschränkte, wahnsinnige Einzelwesen! Das eigentliche Selbst (Shiva) weilt jedoch ewig im vollkommenden Sein, im Ungetäuschten Bewusstsein und in ungeteilter Wonne. Ist der Geist einmal aus seinem Ego-Gefängnis befreit - sei er nun im Leib oder außerhalb des Leibes (auch diese Unterscheidung ist Illusion) -, dann läuft alles wie es soll.

Wolfgang Neuss, einst bekannter Kabarettist mit der Pauke, der dann als unerkannter mitteleuropäischer Sadhu in Berlin, dem Scheiterhaufen des zwanzigsten Jahrhunderts, sein Chillum rauchte, gibt diesen Gedanken Ausdruck in seinem Gedicht Die Erde läuft gut.

... Die Welt sagt: "Die Erde läuft gut, wie sie läuft, die läuft gut."
"Seit Milliarden Jahren", sagt die Erde, "Läuft die Welt gut, wie sie läuft!"
Ja, aber haste denn nicht Auschwitz gesehen -
"Die Erde läuft gut, wie sie läuft, wie die Welt läuft gut."
Und jetzt kommen wir, wir Jungen, wir Alten, wir Menschen und sagen:
"Aber Fortschritt muss doch sein!" Da sagt die Erde: "Die Welt läuft gut, wie sie
läuft, die läuft gut. Das ist die Tatsache, ein Gesetz. Das ist der Urgeist, und da
ist nichts dran zu rütteln. Die Erde läuft gut, wie sie läuft ... "

Da die Erscheinungen das Spiel (Lila) der ewigen Wonne sind, kann das Selbst zu seiner Ergötzung jede Daseinsweise und Gestalt annehmen, auch die des furchtbarsten Teufels, des tollwütigen Hundes Bhairava oder der rasenden, blutschlürfenden Kali. Gott kann als Brahmanenmörder erscheinen und in seinem vorgelebten Leid dem Verwirrten, der ebenfalls ungeheure Sünden gegen das Dharma begangen hat, den Weg nach Benares weisen, wo die Feuer der Reinigung brennen und die heilenden Wasser des Ganges am reinsten fließen. So kann Shiva als Teufel erscheinen und trotzdem von seinen Verehrern mit liebevoller Hingabe angebetet werden. Ebenso kann Buddha im Mahayana- und Vajrayana-Buddhismus als glotzender, feuersprühender Dämon erscheinen und verehrt werden. Es ist doch nur unser wahrhaftes, angstgetriebenes Ego, dem er so wie in einem Spiegel erscheint. All das ist nur das Selbst, das sich in unendlichen wunderbaren, schrecklichen, herrlichen Zauberbildern dem Selbst offenbart.
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Alt 19.06.2006, 21:34   Teil 1 Wolf-Dieter Storl Der Medzinmann vom Herrenberg Beitrag #5 (permalink)
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Zarathustra III

Der gerechte Kampf
Seit der große persische Magier seine Zauberworte ertönen ließ, werden in westlichen Kulturkreisen verzweifelt heldenhafte Anstrengungen unternommen um das Böse völlig abzustreifen und die dunkle Gestalt der "alten Schlange" zu bannen. Dies ist auch die treibende Kraft der Fortschrittsideologie, die alles Leiden, jede Krankheit, das Altern und selbst den Tod besiegen will.

Da aber das absolut Reine und Gute ohne seine gegensätzliche Ergänzung sinnlos, ja nicht existent ist - ebenso wie es keinen "Auserwählten" ohne einen verdammten, keinen "Puritaner" ohne einen Abtrünnigen gibt - , beschwören sie mit ihrem Eifer geradezu den Wiedersacher. Gegensätze gebären einander. Deswegen lauert das Böse überall, deswegen müssen sich die "Guten" zur wehr setzen Es ist das Gesetz der Gegensätze, das im nimmer endenden Kampf der Götter gegen die Dämonen in der indischen Mythologie zum Ausdruck kommt, aber wehe der Seele, die darin befangen ist und vergessen hat, dass auch dies Maya ist.

Allzu leicht identifiziert sich das Ego mit dem Guten, allzu leicht lässt sich das Unheimliche im anderen erkennen, im Fremden oder Außenseiter, der nicht ins soziale Gefüge passt. Als beispielsweise gegen Ende der Völkerwanderungszeit grölende, berauschte Wikinger aus ihren Drachenschiffen stürmten und friedliche Dörfer und Städte plünderten und brandschatzten - welcher wahre Christ mochte da noch am Teufel zweifeln! Sogar Hörner tragen die Heiden auf dem Kopf und bekannten sich zu dem Teufel Odin. Später, im Mittelalter, tauchte das dunkle, fremdartige Volk der Zigeuner auf, die den "Teufel" und den Mond anbeteten, wahrsagten und unordentlich durch die Länder stromerten. "Wenn sie vorbeiziehen", so hieß es, "sterben die Kinder, siecht das Vieh dahin. Sie lassen einen Geruch nach Schwefel, einen Sog der Hölle hinter sich zurück. Sie sind die Abgesandten des Teufels ... ". In der Neuen Welt waren es die Indianer. Cotten Mather, der Führer der von Gott auserwählten, puritanischen Siedler, sah in den Rothäuten schlicht die "Kinder Satans", die es zu vernichten gelte.

Man brauchte aber gar nicht so weit zu gehen. Schon in den eigenen Reihen, besonders unter den Weibsleuten, gab es Teufelsvolk - die Hexen! In wilden entlegenen Gegenden feierten Kräuter sammelnde Weiber, Hebammen und andere, die sich mit Hexenschmiere berauschten, orgiastische Feste zu ehren eines stinkenden Bocks mit kaltem, aufrechtem Phallus, und zauberten angeblich ihren Mitmenschen schaden an. Diese heimtückischen, sinistren Gesellen wurden von Dakshas geistigen Nachkommen, den Beamten von Kirche und Staat, mit allen Mitteln verfolgt. (Daksha, wir erinnern uns, bedeutet der "Rechte", verwandt mit dem Wort dexter, im Gegensatz zu sinister, was "finster, heimtückisch, link" bedeutet.) Tatsächlich huldigten die Hexen ihrem Gehörnten Gott, dem Nachfolger des griechischen Pan oder des keltischen Cermunos, in einem uralten Fruchtbarkeitskult. Der Ausdruck "Bock" bezieht sich nicht nur auf ein gehörntes Tier, sondern auch auf den slawischen Bog (Gott), verwandt mit dem indische Bhag (Gott, der Spendende).

Solche Beispiele lassen sich überall und zu allen Zeiten belegen. Doch nicht nur im Nachbarvolk oder bei den Abtrünnigen aus den eigenen Reihen, sondern sogar in der eigenen Seele machen sich die Impulse der finstren Fürsten immer wieder bemerkbar. Sexualgelüste, unterdrückte Rachegefühle, Neid, Gier, Angst, Hass. Je mehr man sie unterdrückt, desto stärker dränge sie nach oben. Heimtückisch wie Giftnattern schleichen sie sich ein und betrügen den Menschen um seinen Seelenfrieden. Da hilft nur Läuterung durch Sühne und Schuldopfer, die völlige Unterwerfung (Islam), peinliche Gesetzeinhaltung (Judentum) Buße und das Flehen um Gnade (Christentum), oder der bedingungslose Gehorsam gegenüber den Verhaltensmaßregeln der Partei.

Kein Wunder, dass der shivaitische Tantriker Bhagwan Shree Rajneesh in Oregon, umgeben von christlichen Fundamentalisten, wie es sie nur in Amerika geben kann, fast ums Leben kam. Nicht im Widerstand gegen die Gelüste und Triebe, sondern in ihrem gottgeweihten Ausleben kommt der Mensch zu sich selbst, zu Shiva, und erlangt die Erleuchtung - solches lehrte er seinen verspäteten Blumenkindern. Erst wenn die Feuer der Lust ausgebrannt sind - sei es Lust auf Geld, Macht, Drogenrausch, lukullische Schlemmereien oder auf geilen Sex jeglicher Art -, kann die Gefährliche Urkraft (Shakti)
sublimiert und vergeistigt werden. Diese Urkraft ist die Kundalini-Schlange, die in den unteren Leibesregionen am Ende der Wirbelsäule schlummert, bis sie vom Geist erweckt wirdund die dann, sich in die Göttin verwandelnd, nach oben steigt, um sich in Wonne mit dem Bewusstsein zu vermählen. Wer diese Kraft umkehrt, um sie gegen sich selbst, gegen die natürlichen Triebe einzusetzen, wird frustriert bleiben und sich ständig bedroht fühlen. Das Verbotene wird nie überwunden und gereinigt werden, sondern eine ständige Faszination ausüben. Wie ein vom Basiliskenblick der Schlange gebanntes Kaninchen wird der Mensch seine Augen nicht davon abwenden können.

Wer auf diese Weise krampfhaft seine Shakti-Energie unterdrückt, wird auch nicht bei sich selbst aufhören. Im Gegenteil, die drohende Gefahr des Bösen lässt sich immer viel leichter am anderen Ende des Zeigefingers ausmachen. Wenn sich mehrere Eiferer auf einer Linie zusammenfinden, entsteht ein system. Eine weitere, auf tönernen Füßen stehende, von Heuchelei durchsetzte, mit Ge- und Verboten gespickte und von argwöhnischen Priestern, Lehrern, Beamten oder Funktionären überwachte Einrichtung (Religion, Sekte, Partei, Bewegung) betritt die indische Bühne.

Rajneesh riet seinen Zuhörern, die Kundalini-Schlange ruhig aufsteigen zu lassen und sich des dunklen, furchteinflößenden Schattens, der im Seelenkeller schmachtet, liebevoll anzunehmen, denn auch das ist Shiva! In anderen Worten, er riet seinen Anhängern, den Dakshas (wir alle sind Dakshas, Schöpfer unseres eigenen Universums), den schmutzigen, langhaarigen, Rauschgift rauchenden Schwiegersohn, der sich anmaßt, sich an unserer jüngsten Tochter zu vergreifen, voll zu akzeptieren. Die zarte Tochter (das Bild unserer Seele) liebt ihn nämlich, und unter den schmutzigen, rauen Pelz des Bärenhäuters verbirgt sich - wie auch unsere Volksmärchen wissen - der edle Königssohn. (das Bild unseres wahren Selbst). Nur so würde der Friede nicht nur in die eigene Seele einkehren, sondern auch in die Welt!

Dieser Bhagwan muss wirklich verrückt gewesen sein, so etwas in einem Land zu lehren, wo der zarathustrische Geist in erstaunlicher Reinheit lebt. Er hätte sich mehr Wetsern-Filme , die Mysteriendramen des "American Way of Life" anschauen sollen, dann hätte er gewusst dass der weißgekleidete "good guy" den schwarzgekleideten "bad guy" beim Showdown, wenn die Sonne sich am Mittagspunkt (high noon) befindet, unweigerlich niederschießt.

"Diese verrückten, orangegekleideten Hippies sind dem Teufel verfallen!" predigt es unablässig von den Kanzeln der umliegenden Gemeinden. Ununterbrochen wurde für sie gebetet. Schilder wurden an den Einfallstraßen nach Rajneeshpuram, das einst Antilopenville hieß, aufgestellt mit der Warnung aus Dantes Hölle: "Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung schwinden!"

In Ketten gelegt wurde Bhagwan schließlich von einem US-Marshall im Fernsehen - dem modernen öffentlichen Pranger - dem amerikanischen Publikum als krimineller vorgeführt. Hätten ihn seine Anhänger nicht für mehrere Millionen Dollar freigekauft, hätte er lange Zeit im Kerker verbringen müssen. Als Zarathustra die Welt in Gut und Böse zerlegte und dabei den alten Göttern - den alten Archetypen, die mit unserem "Reptilienhirn" (Hirnstamm, Limbisches System) verbunden sind - den Kampf ansagte und versuchte, sie auf ewig in die dunkelsten Tiefen zu verbannen, da war es auch um die Natur schlecht bestellt. Die organische Lebenseinheit wurde mit dem am Stein falscher Vorstellungen gewetzten Messer des Intellekts, in zwei Hälften gespalten. In der heiligen zoroastrischen Schrift, dem Avesta, werden die Kinder der Erdenmutter säuberlich in Nützlinge und Schädlinge eingeteilt - eine folgenschwere Einteilung, die wir in unserem Denken bis heute noch nicht überwunden haben. Als gut, nützlich und rein gelten Pflanzen und Tiere der Hirten und Ackerbauer, vorwiegend Rinder und Hunde, Obst und Korn.
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Alt 19.06.2006, 21:36   Teil 1 Wolf-Dieter Storl Der Medzinmann vom Herrenberg Beitrag #6 (permalink)
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Zarathustra IV

Als Ahrimanisch, bösartig und unrein gelten Schlangen, Spinnen, Skorpione, Wölfe, Frösche, Fliegen, und derartige Geschöpfe. Weißbekittelte zarathustrische Magier verehrten Gott, indem sie ihre Tage damit verbrachten, Ungeziefer - Fliegen, Lurche Kriechtiere, Kerbtiere, Würmer, - massenweise zu vernichten. Früher mag das nicht allzu viele ökologische Schden angerichtet haben, aber was fangen wir heute an, mit dem selben Denkschema, mit unserem Arsenal an verheerenden "Pflanzenschutzmitteln", Schädlingsvertilgern und genetischen Eingriffen.

Das Töten anderer Lebewesen kommt weder für den Shiva-bewussten Hindu noch für den Buddhisten oder Jainisten in Frage, denn jedes Lebewesen, auch die kleinste Fliege, hat ein Recht auf sein Dasein und damit eine Möglichkeit, sein Karmas auf dem unendlich langen Weg zur Erleuchtung zu verbessern.

"Leben und leben lassen" ist ein Umweltverständnis, das in den sechziger Jahren durch erneute Begegnung mit indischem Denken und indischer Lebensweise befruchtet wurde. Alles, jedes Unkräutlein und jedes Geschöpf, das da kreucht und fleucht, hat einen sinnvollen Platz im Ganzen. Der schreckliche Kampf gegen die Natur, gekoppelt mit einem Wirtschaftssystem, das ungebrauchte Ware überproduziert, ist ein Irrtum. Es ist ein Kampf gegen uns selbst, gegen unser Selbst. Es gilt, sich mit dem ungeliebten Teil der Schöpfung zu versöhnen, diesen unbequemen Shiva zum großen Opferfest des Daseins einzuladen, aber unsere Dakshanatur, der sture Ziegenkopf, der uns führt, kann sich nicht überwinden, kann nicht wie die Märchenprinzessin den kalten Frosch küssen, damit er zum Prinzen wird.

Aus Wolf-Dieter Storl "Shiva der gütige Gott"
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Alt 29.09.2008, 09:28   Teil 1 Wolf-Dieter Storl Der Medzinmann vom Herrenberg Beitrag #7 (permalink)
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Hallo Rembrand!

Habe Dein Thema grade erst entdeckt, als ich auf der Suche nach Leuten aus der Kemptener Gegend war
Kann nur bestätigen, was du schreibst (sehr schön geschrieben). Durfte Wolf Dieter Storl persönlich kennenlernen, als ich an seinem Baum-Ritual teilnahm. Es war wunderschön, sehr lehrreich und mystisch. Zufällig begleitete ihn zu der Zeit (2004) ein Journalisten-Team, so daß unter anderem auch dieses Ritual in einem Film zu sehen ist. Er wurde schon öfters im Fernsehen gezeigt und zeigt einen kleinen Einblick in sein Leben.
Er ist wirklich ein beeindruckender Mensch, der unendlich viel Liebe ausstrahlt. Er paßt sehr gut hier ins Allgäu, da hier ein sehr kraftvoller Ort ist, und viele Menschen noch sehr naturverbunden sind.
Sein "Shiva"-Buch hat er in Kempten in einer großen Buchhandlung vorgestellt, dabei kam er mir allerdings etwas verloren vor. Er steckte in einem begen Anzug, der viel zu groß war und so gar nicht zu ihm passte! Ich konnte spüren, daß der Einsiedler sich unter so vielen Menschen in der Stadt gar nicht wohlfühlte! Doch das machte ihn für mich nur noch sympatischer, da ich viele Menschen um mich herum auch nur kurzfristig ertragen kann

Danke für Deine Beiträge und alles Liebe
Ginalein
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