Liebe windstill,
nein, das ist nicht lächerlich. Ich kann Dich gut verstehen.
Ich werde Dir mal schreiben, was ich erlebte:
als ich noch klein war, träumte ich immer von hohen Bergen. Ich sah eine Frau auf einer Anhöhe stehen, die nach rechts unten auf die spiegelglatte Fläche eines Sees blickte. Immer wieder träumte ich davon...aber ich wusste nichts damit anzufangen.
Ich bin in Norddeutschland aufgewachsen, und dort gab es kein so hohes Gebirge, wie ich es im Traum vor mir sah.
Eines Tages spielte ich bei meiner Oma mit Stickgarn, dass sie, wie es damals üblich war, zum Besticken einer Tischdecke bereit gelgt hatte. Um sich nicht alles von mir durcheinander bringen zu lassen, gab sie mir einen Atlas in die Hand. Da sollte ich einfach mal reinsehen.
Ich tat es und schlug die Türkei auf. Als ich das Land sah, bemerkte ich ein eigenartiges Ziehen - eine Art grossen Schmerz, der mir die Tränen in die Augen trieb. Damals war die Türkei kein Urlaubsland. Ich bin alt...lächel...und die Türkei "ganz weit weg".
Ich fragte meine Oma, welches Land das sei...und da sei ich schon gewesen.
Sie lächelte milde...Kinderphantasien eben!
Später, als die ersten türkischen Mitbürger sich in Deutschland niederließen und ihre Musik aus den offenen Fenstern drang, fing ich jedes Mal an zu weinen. Ich wusste nicht, warum. Ich weinte wie ein Schlosshund, konnte es nicht stoppen. Und in mir war die Erinnerung an eine große Liebe...und einen großen Schmerz.
Das wurde so schlimm, dass ich alles mied, was irgendwie damit zu tun hatte...
Jahre später, ich war schon verheiratet, wollte ich Hemden meines Mannes bügeln. Nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung, und deswegen schaltete ich immer den TV ein, um das Bügeln etwas abwechslungsreicher zu gestalten.
Irgendein Programm lief, das auch kurze Zeit später beendet war. Dann kam ein Bericht über die Türkei. Ich wollte umschalten...aber das ging nicht, denn ein türkisches Lied wurde eingespielt, und ich fiel in Trance.
Ich sah mich...als 13jähriges Mädchen. Vor einer Hütte in den Bergen, sehr weit oben, wo kaum noch etwas wuchs. Die Hütte war voll. Meine Mutter war gerade verstorben, an der Geburt meines 5. Bruders. Jede Menge Verwandte waren da und strichen mir, der einzigen und ältesten Tochter, über`s
Haar, drückten ihr Bedauern aus. Dann kam mein Vater aus der Hütte, gab mir das Baby in den Arm und sagte: "Das ist jetzt Deines. Du musst Dich darum kümmern. Auch um Deine Brüder."
Danach kamen jede Menge Einblendungen, wie ich schuftete, kochte, nähte, bügelte, die Kinder versorgte, während mein Vater unseren kargen Acker bestellte. Ich fiel weit nach Mitternacht todmüde ins Bett und stand in aller Frühe wieder auf.
Doch ich war verliebt! Und dieses Verliebtsein machte das sehr harte Leben erträglich. In einen Jungen, der an der Wegbiegung wohnte und den ich sah, wenn ich mit Eimer zur Dorfmitte ging, um Wasser aus dem Brunnen zu holen und auf dem Feld mit aushalf. Der Junge hatte 7 Geschwister...und gehörte zur einzigen Familie, die noch ärmer war als wir.
Jeden Lira legte er beiseite, damit wir eines Tages heiraten konnten. Doch es reichte nie, und als ich 20 Jahre alt war, kam ein Mann in das Haus von uns und bat um meine Hand. Er war 21 Jahre älter als ich und reich. Ich hasste ihn,ekelte mich vor ihm. Mein Vater sagte erst Nein zu seinem Antrag, doch bei der Aussicht auf eine geschenkte Ziege und Kuh für die Familie konnte er nicht widerstehen und teilte mir dies mit. Unser Verlobungstermin wurde bekanntgegeben. Ich litt Höllenqualen.
Kurz bevor die Verlobung stattfinden sollte, fand ein Fest statt in den Bergen, auf einer Anhöhe, mit Feuer und Tanz. Eine Art Sommersonnenwendefest, bei uns heisst es Johannisfest. Es war Vollmond.
Das ganz Dorf war versammelt. Es gab Musik. Die Frauen tanzten auf der einen Seite im Kreis, die Männer auf der anderen. Nur die Männer durften Alkohol trinken.
Ich tanzte unter den Frauen, mein zukünftiger Verlobter war auch da, palaverte mit anderen Männer...doch ich hatte nur Augen für den Mann, den ich wirklich liebte. Ich sah zu ihm hinüber...und er zu mir. Und plötzlich liefen wir beide los, weg von den anderen, auf die Berge zu, dort, wo das Grass etwas höher spärlich stand und sanken auf den Boden, umarmten uns,küssten uns, wie von Sinnen....
Plötzlich stand eine Traube Menschen um uns herum und starrte uns an. Mein zukünftiger Verlobter zückte ein Messer und wollte auf meinen Liebsten einstechen. Ich warf mich dazwischen. Das Messer stach mir ins Herz, ich war auf der Stelle tot. Und obwohl ich tot war, sah ich, wie der Mann, den ich liebte, die Knie anzog, die Arme darumschlang, den Kopf darauf bettete,
und mit über 40 Messerstichen regelrecht hingerichtet wurde. Erst als er tot auf die rechte Seite kippte, wurde es dunkel um mich...
und ich stand wieder im Wohnzimmer vor dem Bügelbrett, das Hemd meines Mannes war versengt und stank bedrohlich. Das Lied war vorbei.
Nun begriff ich, warum ich immer weinte, wenn ich türkische Musik hörte. Ich wusste, wer dieser Mann in meinem derzeitigen Leben war...und wer das Baby in diesem Leben ist, das ich damals aufzog.
Inzwischen war ich öfter in der Türkei. Ohne Weinen.
Nur am Van-See, dessen spiegelglatte Fläche ich immer gesehen hatte, und das Dorf in den Bergen südwestlich davon, das kenne ich nicht. Aber es ist auch nicht mehr wichtig für mich...