Es tut mir fast leid, dass ich euch an einem Abend mit zwei Thread von mir belagere, aber dieses Thema musste ich einfach noch einmal anschneiden. Weil es mir selbst nach Jahren nicht aus dem Kopf gehen will.
Vor zig Jahren, ich muss wohl dreizehn gewesen sein, war ich mit meinen Eltern in Italien. Familienurlaub. Um mir die Zeit zu vertreiben, hatte ich kurz zuvor angefangen, die Anne Rice-Romane zu lesen. (Wem sie nichts sagen: sie handeln von Vampiren.) Durch die anderen spirituellen Erlebnisse, die ich bis zu diesem Zeitpunkt erlebt hatte, fragte ich mich, ob es - wenn es denn Geister gibt - nicht auch möglich war, dass Vampire existierten. Den ganzen Urlaub über quälte ich mich mit der Frage und betete jeden Abend, es möge einer erscheinen, um mir endlich all meine Frage zu beantworten. Aber es passierte nichts.
Kurz vor Ende des Urlaubs waren wir wie jeden Tag am Strand. Irgendwann forderte mich mein Vater auf, dass wir zusammen ins Meer gehen sollte. Ich hatte zwar nicht wirklich Lust, ging aber dennoch mit. Mein Vater war schneller zu Fuß und nach kurzer Zeit stapfte ich bereits alleine Richtung Meer. Kaum, dass ich die überfüllten Liegestuhlreihen hinter mir gelassen hatte, erfasste mich so ein Kribbeln. Und rein instinktiv blickte ich nach rechts. Vielleicht war es sein Blick, den ich auf mir gespürt hatte ... aber dort stand ein junger Mann, der mich unverhohlen anstarrte. Er besaß ein schönes Gesicht, wenn auch mit markanten Gesichtszügen. Die Leute um uns herum trugen - natürlich - Badeanzüge und -hosen. Ich weiß nicht mehr wirklich, was er genau getragen hat. Meine Erinnerung zeigt mir immer einen Anzug, aber ich bin mir nicht mehr wirklich sicher ... Auf jeden Fall war er vollkommen deplatziert in der Masse aus nackten, schwitzenden Körper. Er gehörte dort nicht hin - und deswegen stach er auch so hervor. Jedenfalls für mich. Auf seinem Gesicht befand sich trotz der Hitze und seiner Kleidung keine einzige Schweißperle. Er hatte die Hände in die Hosentaschen geschoben und starrte mich stumm an, während ich irritiert zurückstarrte. Niemand schien sich über den jungen Mann dort zu wundern. Sie liefen an ihm vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Je länger ich ihn anstarrte und je wirrer meine Gedanken wurden, umso ausgeprägter wurde das freche, schiefe Grinsen, dieses Zucken um seinen linken Mundwinkel.
Ich war ein Kind zu diesem Zeitpunkt und dachte sofort erschrocken, ob er meine Gedanken wohl hören konnte. Er hatte nur den Kopf geneigt, die Schultern gestrafft und mich weiterhin angelächelt. Und dann meinte ich in ihm meine Antwort gefunden zu haben. Für mich war er der Vampir, nach dem ich so lange verlangt und den ich so herbeigesehnt hatte.
Dann wurde es erst richtig seltsam ...
Mehrere Familien, die sich auch zum Strand vorkämpften, stahlen sich in mein Blickfeld und ich konnte ihn für ein paar Sekunden nicht mehr sehen. Es hatte sich aber wirklich nur um Sekunden (!) gehandelt!
Dennoch ... kaum sah ich ihn wieder, war er etliche Meter entfernt, aber in genau (!!) der gleichen Pose. Vollkommen unbewegt, das selbe schelmische Lachen noch immer auf den Lippen. Als hätte man eine Statue in Windeseile von einem Fleck zum anderen transportiert ...
Irgendwann rief mein Vater vom Meer zu mir. Reflexartig riss ich den Kopf in seine Richtung, ohne in irgendeiner Weise zu reagieren. Stattdessen drehte ich den Kopf gleich darauf wieder in die Richtung des Mannes, aber ... er war weg. Ich lief ein Stück am Strand entlang, suchte die Reihen ab, aber erfolglos. Ich fand ihn nicht.
In der selben Nacht hatte ich dann einen ganz besonderen Traum. Bis heute denke ich, dass er ihn mir offenbart hat, als Antwort auf so viele Dinge, die mich bewegten.
Eigentlich geht es nur um eine ganz besondere Szene in dem Traum, wo ich mich vor einem Mann niederkniete, der wunderschön war und eine unsagbare Ausstrahlung und
Aura besaß. Ich ging auf die Knie, weil ich es einfach für nötig ansah, weil er so unglaublich war ... Ich sehe noch immer das schwache Lächeln auf den Lippen des Mannes und als er seine Hand nach mir ausstreckte, und mich am Kopf berührte.
~ Jahre später schrieb mir ein Channeler, der sich mit meinen früheren Leben auseinandergesetzt hatte (was mir ganz neu war), dass ich einst Jesus kennengelernt hatte. Ich hab im ersten Moment aufgelacht, weil ich Wicca bin und damit nicht allzu viel anfangen konnte. Aber dann beschrieb er mir die Szene aus meinem Traum. Und er meinte, ab dem Moment, wo Jesus mich am Kopf berührt hätte, wäre ich eine Anhängerin seiner Ansichten gewesen.
Mittlerweile bin ich "groß" und sicher, dass der Mann vom Strand kein Vampir war.
Was denkt ihr? Ein Geistwesen oder doch nur ein Scherz meiner Fantasie (wer weiß...)? Mich wundert noch heute, dass ihn damals niemand angesehen hat, obwohl er so hervorstach ... und die Geschwindigkeit, mit der er sich scheinbar fortbewegt hat ...
Vor allem, egal, was ich tue, ich komme nicht los davon. Seit dieser Begegnung denke ich jeden Tag an ihn. Wann immer ich alleine bei Nacht unterwegs bin, rufe ich ihn zu mir und erhoffe mir seine Anwesenheit.
Vor einem Jahr habe ich auch mit einem Roman angefangen, der dieses Jahr zu meinem Geburtstag wurde - ich habe ihm darin einen Charakter gewidmet (natürlich ein junger, wunderschöner Mann mit einem schelmischen Funkeln in den Augen und einem schiefen Grinsen auf den Lippen) und eigentlich gehört die ganze Geschichte ihm.
Umso öfter denke ich an ihn und diese Begegnung.
Und was mir neulich - nachdem ich alle Texte, die ich je zu und für ihn geschrieben habe, durchgeblättert habe - aufgefallen ist:
seit ich ihm damals begegnet bin, ist mir nie wirklich etwas passiert.
Zuvor hatte ich einige Unfälle, war immer krank, wäre alleine schon bei der Geburt gestorben. Ich war ein kränkliches Kind, das sich ständig wehgetan hat. Aber ich kann mich, seit der Begegnung, an nichts ernsthaftes erinnern.
Ich war nie mehr wirklich schwer krank und selbst in Momenten, wo es wirklich sehr hätte schief gehen können, passierte mir nichts. Glück im Unglück - immer wieder, aber erst seit diesem Moment mit ihm. In meinen depressiv-pubertären Tagen habe ich das Schicksal oft herausgefordert, weil mir mein Leben nicht viel wert war - aber es war, als hätte jemand entschieden, dass meine Zeit zu sterben noch nicht gekommen war und mich immer wieder unter seine Fittiche genommen.
Vielleicht rede ich es mir auch ein oder verrenne mich in etwas ... aber irgendwie fühle ich mich von ihm begleitet - wer auch immer er sein mag.
Glaubt ihr, das war ein Geistwesen, das auf mein damaliges Rufen reagiert hat? Und besteht die Möglichkeit, dass er noch immer bei mir ist? Oder verrenne ich mich da wirklich in eine kindliche Spinnerei?

Ich bin für jede Meinung und Ansicht offen.
Danke an alle, die sich die Zeit dafür nehmen!
Phantasmagoria