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Alt 01.01.2007, 08:46   Erzähle mir Deinen Wahrtraum! Beitrag #1 (permalink)
Janine
in ruhigem Trab vorwärts
 
Sternzeichen: Wassermann
Registriert seit: 08.03.2006
Alter: 44
Beiträge: 929
Erzähle mir Deinen Wahrtraum!

Mein Schneeblind-Traum

Circa 9 Monate vor dem plötzlichen Herztod meines Pas träumte ich Folgendes:

Ausgangpunkt war meine alte Abiturschule. Von dort ging ich viele Kilometer in Richtung unseres Dorfes. Unterwegs trug ich auf einmal ein Baby auf meiner Schulter, meinen kleinen Neffen, er wurde immer älter und schwerer auf meiner Schulter. Gleichzeitig kam er mir unglaublich zerbrechlich vor. Als er etwa 1 Jahr alt war, erreichte ich endlich mein Dorf, ich musste dabei über den vereisten Fluss. Es war Winter, kein normaler Winter, irgendwie anders. So vereist und verschneit war es noch nie, war irgendwie bedeutungsvoll und nicht jahreszeitlich bedingt, als hätte der Sommer einen Schneeeinbruch erlitten, wie ein Gletscher auf der Sommeralp.

Dort, wo die Strasse zu unserem Reihenhaus hinführt, sah ich meinen Pa auf einem Schneebett liegen. Er blickte schneeblind nach oben, transzendent, wie ich an seinem faszinierten Blick in die Andere Welt bemerkte. Seine Augen leuchteten wie die eines Kindes, das in eine neue Welt geboren wird, so empfand ich es. Doch war ich unglücklich, wiederholte ständig: Nun hat er mich doch im Stich gelassen.

Meine Ma stand unschlüssig daneben: Ihre Augen hatten einen Schneeschleier über sich. Sie war auch schneeblind geworden, zur Hälfte. Meine Schwester war auch da, doch ihre Augen waren okay.

Ich war so unsagbar traurig, weil nun alles an mir hing, obgleich ich wusste, wie glücklich mein Pa nach oben blickte. Wie konnte er mich derart im Stich lassen!

Deutung

Als ich diesen Traum hatte, verstand ich nur einen Bruchteil davon, doch spürte ich, es war ein grosser wichtiger Traum, der mich noch beschäftigen wird. Ich musste oft an ihn denken, grübelte darüber nach, was genau er bedeutet, inwiefern mein Pa mich im Stich lassen würde, was mir da bevorstand. Dass es ein Wahrtraum war, wusste ich sofort.

Mein Vater starb Anfang August 1995 um cira 19:00 an einem plötzlichen Herzschlag. Meine Lebenssituation damals: Nach meiner Abiturszeit bekam meine Schwester ein Kind, meinen Neffen. Da sie überfordert war, zog ich ihn auf, trug ihn im ersten Jahr häufig auf dem Rücken durch den Wald. Die Verantwortung lag auf mir. Mein Pa wurde frühzeitig pensioniert, wegrationalisiert. Ich sagte in dieser Zeit oft liebevoll zu ihm: Du wirst mich nie im Stich lassen. Seine Antwort darauf: Doch, wenn ich sterbe.

Mein Pa schlief nachts sehr unruhig, deshalb machte er es sich zur Gewohnheit, auf der weissen Couch in der Wohnstube zu liegen, das war bequemer für seinen Rücken. Auch sein Mittagsschläfchen hielt er hier.

Am 2.August wollte ich ihn nach seinem Mittagsschläfchen begrüssen. Als ich die Treppe runterhüpfte, schlug mir noch vor der Abbiegung eine merkwürdige Kälte entgegen, mich fror fürchterlich, obwohl es in den oberen Räumen hochsommerlich schwül war und es in der Wohnstube nicht einmal im Winter so kalt wurde. Ich war wie gelähmt, konnte nicht weitergehen, blickte etwas um die Ecke zum Fenster, wo mir das Licht, welches durch die weissen Vorhänge in die Stube drang, so seltsam trüb und grau erschien, als wäre der Tod im Raum. Totenstille.

So erlebte ich den Raum noch nie, irgendetwas in mir zog sich vor Angst zusammen. Mir stockte der Atem. Der Raum musste leer sein. Doch dann hörte ich auf einmal das Räuspern meines Pas. Ich atmete auf und erzählte ihm, was ich gerade empfand, wie unheimlich diese Totenstille war.

Mein Pa lag auf der Couch, ein weisses Tuch auf dem Gesicht, er sagte tonlos und ungewöhnlich eisig, ich solle ihn allein lassen. Mir wurde noch unheimlicher. So redete er nie mit uns, auch nicht, wenn er müde war. Ich eilte zu meiner Ma und erzählte ihr alles. Sie ging runter zu ihm, ich horchte, es schien alles in Ordnung, doch konnte ich dieses unheimliche Gefühl nicht loswerden, lenkte mich ab, zog mich in mein Zimmer zurück. Jetzt war ja meine Ma bei ihm.

Etwas später wollte ich es doch genauer wissen. Mein Pa sass aufgerichtet auf der Couch, ihm war nicht gut. Seine linke Schulter schmerzte, ein Ziehen darin. Meine Ma wollte den Notarzt rufen, doch regte er sich fürchterlich darüber auf, wollte es nicht. Da er an der 1.August-Feier etwas Alkohol getrunken hatte und schon wenig bei ihm wirkte, meinte ich wie meine Ma, dass es ev. damit zusammenhänge, obwohl seine Arm-Schulterschmerzen für uns ein Alarmzeichen waren, dass es ein Herzinfarkt sein könnte. Mein Pa regte sich nun noch mehr auf, als hätten wir ihn Alkoholiker genannt. Dafür enschuldigte ich mich und trollte mich davon, um ihn nicht weiter aufzuregen.

Später kam meine Ma rauf zu mir und schaute mich mit einem Blick an, den sie oft grundlos drauf hatte, als wäre jemand gestorben. Sofort rief ich aus: Bitte schau mich nicht so an, als wäre jemand gestorben, das ist ja schrecklich! Doch diesmal folgte kein Schmunzeln. Pa sei tot. Noch während sie dem Krankenwagen telefonierte, starb er vor ihr, seine Augen blickten starr nach oben, er hatte eine weisse Flüssigkeit im Mund, wie Eisen. - Ich reagierte zuerst völlig kopflos, rief immer wieder: Das ist nicht wahr, das ist nur wieder Dein Als-wär-jemand-tot-Gesicht, alles Trugschluss wie immer. Sag es, es stimmt nicht!

Während meine Ma dem Krankenwagen den Weg zu unserem Haus wies, trat ich zögernd zu meinem Pa. Genau wie auf dem Schneebett im Traum, fiel mir sofort auf. Zum ersten Mal sah ich einen toten Menschen, meinen Pa. Seine Hände, die vorher immer so wohlig warm die meinen umschlossen, lagen kalt in meiner vortastenden Hand. Für mich war das alles widernatürlich, obwohl ich schon so oft den Tod vorausgesehen hatte, auch seinen Tod, aber da waren es noch Jahre her, noch weit weg und die Hellwahrnehmung von seinem Tod im gleichen Sommer war zu wenig Vorbereitung. Da wirkte der Tod so mild und sanft.

Nun lag er da auf der weissen Couch, dem Schneebett des Todes, das weisse Tuch im Gesicht, schneeblind. Nun hat er mich also im Stich gelassen und ist gestorben... so wie er es gesagt hat...

So wie im Traum spürte ich auf einmal die Andere Welt, die Kälte war weg, ich spürte seinen Geist im Raum, das tröstete mich, ich betete.

Meine Ma sah bald darauf immer weniger. Sie hatte grauen Star, deshalb die halbe Schneeblindheit im Traum.
Janine ist offline  
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