Folgende Gedanken schrieb ich am Karfreitag auf. Aber ich denke, sie haben keineswegs nur mit Ostern zu tun und sicher auch nicht nur mit Menschen, die sich dem Christentum nahe oder verbunden fühlen.So möchte ich sie hier zur freien Anregung eigener Gedanken und Empfindungen zur Verfügung stellen. Es ist nur eine innere Momentaufnahme. Ich will weder mich noch andere (dogmatisch) darauf festnageln...:
Die Lust auf lüsterne Lust verleitet, eventuell noch verstärkt durch eine Unlust am eigenen Werden, zur Gier etwas sein zu wollen, mehr als wirklich benötigt haben zu wollen. Mit solch einer Gier hindere ich mich selbst und andere am lebensvollen Werden.
Stirbt die Übermäßigkeit (oder/und die Maßlosigkeit) oben genannter Lüste in gesunder Weise ab, kann frühlingshaft durchbrechend eine neue Lust knospen: Werde-Lust, die Lust am eigenen Werden und Entwickeln und die Lust und Freude daran, wenn es auch meine Mitmenschen – egal welchen Alters – tun. Das achtsam-freudig-aufmerksame Begleiten des Werdens habe ich dann jedoch auch in mir davor zu schützen, dass es Neu-Gier wird – damit es von Herzen kommende Neu-Lust oder eben Entwicklungs-Freude sein/bleiben kann.
In einer vollkommenen Welt wäre ein selbst verantwortetes Werden nicht möglich. Meine eigenen Unvollkommenheiten (und die der anderen) sind mir daher unschätzbar wertvolle Chancen und Hilfen. Sie können mir aufzeigen, wo ich vermeinte so oder so zu sein. Und lassen mir zugleich die freie Wahl das aus eigener, nicht von anderen aufgedrängter Einsicht für mein weiteres Werden zu nutzen oder nicht. Nutze ich es nicht (oder in kontraproduktiver Weise), ist das Schicksal äußerst geduldig darin, mir mit immer neuen Situationen je und je aktuell angemessene Entwicklungschancen zu bieten.
Lerne ich langsam über Jahre mein Werden immer mehr und mit immer vielschichtigerem Blick kennen, zeigen sich zum einen auf unterschiedlichen Ebenen unterschiedliche Tempi (am schnellsten kann ich einen werdenden Gedanken ändern, mehr Zeit benötigen neue/erweiterte Fähigkeiten und das ändern von Gewohnheiten; und besonders langsam – aber sicher – kann man seinen eigenen Charakter ändern) und zum anderen größere Entwicklungslinien, die ich zunächst nur im Nachhinein erkennen und bestaunen kann. Da steckt dann oft mehr Weisheit und biografische Schönheit drin, als ich mir damals in einzelnen Situationen hätte ausdenken können!
Schiffbruch muss daher erleiden, wer sich eine feste Vorstellung (als Arbeitsschalblone) davon macht, wie er ein Mal sein möchte und nun versucht sich möglichst genau so zu machen. Wenn es gelingen könnte, käme es einem Klonen, bzw. einer oberflächlichen Kopie gleich. Es wäre somit ein „Werden“ ohne Neu-Freude. Man würde nur versuchen, etwas in der Vergangenheit fertig gewordenes in die Zukunft hineinzupfahlen.
Wirk-liches, neu-freudiges Werden zeichnet sich durch den Mut zur Kreativität und zur achtsamen Treue zum Verlauf des schöpferischen Prozesses aus.Während ich schöpferisch tätig bin, kann ich nicht sehen was genau alles am Ende dabei herauskommen wird. Selbst in der gewaltigen Schöpfungsgeschichte der drei großen Religionen, denen das Alte Testament gemeinsam ist, sieht der schöpferisch tätige Schöpfergott erst hinterher, wie es geworden ist: „...und Gott sah, dass es gut war“.
Warum also besser oder perfekter sein wollen als Gott? Die Schöpfung kann weiter gehen. Jeder hat ein Stück unserer Welt zur freien, selbst zu verantwortenden Weiter- und Umgestaltung zur Verfügung: sich und seinen Lebensgang. „LebensLAUF“ wähle ich hier absichtlich nicht, da man im Laufen nicht so deutlich den Pendelschlag zwischen bewusst entschlossenem Tun (Schritt) und dem anschließenden reinen Betrachten hat (kurzes Innehalten: wo hat mich dieser Schritt hingeführt, wie ist jetzt und von hier aus meine Sicht der Dinge und wie und wohin lenke ich nun meinen nächsten Schritt).
In unserer übermäßig verkopften Welt fällt es nicht leicht, seine eigenen Vorstellungen wirklich loszulassen, sich selbst das „Kneipsche Wechselbad“ zwischen voll aktivem, hingegebenen Tun und ruhig-loslassend-abstandnehmendem Betrachten zuzumuten. Wobei eine Tat nicht immer etwas äußerlich sichtbares sein muß. Auch ein innerer Verzicht, zu dem ich mich aus gereifter, freier Einsicht selbst entschließe, kann eine Tat sein...
Wenn ich mich der Illusion hingebe, ich könne mich zu einer Tat nur dann entschließen, wenn ich alle Folgen dieser Tat vorher überblicken kann, lasse ich mir (von der Angst?) eine große Portion Freiheit rauben.
Im gesunden, rhythmischen Wechsel zwischen Tun und Betrachtung (wobei das Tun nie ganz ohne Wahrnehmung und klarem Erleben und die Betrachtung nie ohne innere Tätigkeit sein sollte) kann ich erleben, dass das Werden (immer wieder überraschend) um so mehr mir entspricht, je mehr ich mich (selbst vergessend) ganz ins Tun und ganz ins Loslassen und ganz ins Betrachten hinein (be)gebe.
Auch wenn mir unendlich viele Anregungen von außen mein Werden erst ermöglichen, so ist es später, im großen Lebensüberblick, um so ergreifender zu sehen – quasi mit Händen greifend – wie sehr, wie hautnah, wie charakteristisch dies mein Werden, mein einzigartiges Leben ist. Und plötzlich kann der Blickwinkel (wie gänzlich umgestülpt) umschlagen und es kann zum Erlebnis werden: mein Schicksal ist mein eigentliches, wirkliches Ich. Und vieles von dem, was mir früher nur fremd, feindlich und von außen kommend erschien, ist charakteristischer, unverzichtbarer Teil des „großen“ Ganzen geworden. Und dann kann es im älter-Werden plötzlich ganz leicht sein zu erleben: Todesangst kann ich in Lebens(gestaltungs)kunst verwandeln.
Dann bin ich schon durch so viele unterschiedlichste Tode gegangen, dass die urgrundtiefe Gewissheit das Herz weit machen kann und frei schlagen lässt: Auch nach dem letzten, großen Tod dieses meines Lebens trägt mich Werde-Lust und Neu-Freude - mir ungeahnte Verwandlungen und neues Werden ermöglichend – weiter und immer weiter!
Tod des Gewordenen, dessen, das nun nicht mehr werdefähig ist, und Auferstehung des schöpferischen Werdens in zuvor nie da gewesener Weise – das hat für mein Erleben ganz viel mit dem Spannungsfeld zwischen Karfreitag und Ostern zu tun.
Und so ist für mich das „Folge mir nach“ des Schöpfer-Wortes kein mich hineinzwängen und –pressen in eine vorgegebene „Gussform für gottgefällige Menschen“ sondern eine mitverantwortete Entwicklung, ein aktives Werden, welches zu etwas führt, zu dem uns kein noch so allmächtiger Gott hätte machen können: aus eigenster Freiheit Schöpferwesen werden und im IchBin des reinen Schöpferseins den Ein-Klang mit der Liebe der großen Schöpfer-Wesenheiten zu (er)leben.
„...und so lang du das nicht hast, dies „STIRB UND WERDE!“, bist du nur ein trüber Gast auf dieser Erde!“ (so etwa formulierte Goethe)