Hallo zusammen,
dieser Beitrag ist etwas heikel und ich bin mir bewusst, dass ich über dieses Thema eigentlich mit einem Psychiater sprechen sollte (was ich auch tun werde).
Vorab wollte ich mir jedoch ein allgemeines Feedback einholen. Vielleicht haben andere ja bereits ähnliches erlebt.
„Man selbst ist sich nur gut genug, solange man nicht erfahren hat, wie man hätte sein können“
Nachdem ich einer guten Freundin das Problem erzählt habe, von dem ich gleich berichten werde, fragte sie mich ob ich mir „nüchtern“ nicht völlig ausreiche. Daraufhin habe ihr mit dem Satz da oben geantwortet.
Nun zum Thema:
Ich (28 Jahre alt) bin eigentlich ein aufgeweckter, vielseitig interessierter Mensch – zwar manchmal etwas verpeilt, aufgedreht, oder auch hin und wieder etwas antriebslos, aber an sich habe ich mein Leben im Griff und dachte mir immer, dass ich eigentlich ganz okay bin so wie ich bin und alles mit mir stimmt.
Jetzt denke ich das nicht mehr, bzw. ich frage mich, ob etwas mit mir nicht in Ordnung ist, da ich glaube erkannt zu haben wie ich wäre, wenn ich mein geistiges Potenzial mehr ausschöpfen würde und meine Gehirnchemie richtig funktionieren würde.
Was ist passiert?
Ich war letztens bei einem Freund, der mir erzählte, dass er „über fünf Ecken“ ein Medikament namens Ritalin bekommen hätte, welches eine bemerkenswerte Wirkung auf gesunde Menschen haben würde. Nachdem ich mich ein wenig über dieses Thema informiert habe, beschloss ich, dieses Zeug mal auszuprobieren.
(Erklärung zu Ritalin: Ritalin (Methylphenidat) ist ein Wirkstoff, der bei der Behandlung von AHDS eingesetzt wird und im Wesentlichen die Wideraufnahme von Dopamin im Gehirn unterdrückt. Das Dopamin bleibt dadurch länger im synaptischen Spalt hängen und das führt zu einer erhöhten Wahrnehmung von Reizen. Ganz ähnlich wirken auch Drogen wie Amphetamin – so die Kurzfassung).Jedenfalls war die Wirkung, die Ritalin bei mir auslöste bemerkenswert:
Es war als hätte jemand eine schwere Wolldecke von meinem Bewusstsein runtergenommen und das matte Licht im Raum meines Seins endlich mal aufgedreht, sodass ich alles besser wahrnehmen konnte.
Wenn ich normalerweise viel erzähle, passiert es manchmal, dass ich mich verspreche oder kurz überlegen muss, wie ich komplexe Gedanken am besten formuliere.
Nach der Einnahme von Ritalin war das völlig verschwunden. Alles war auf einmal klar und lag mir perfekt vorbereitet auf der Zunge und auch mein „Lebensgefühl“ was völlig anders… so ähnlich wie wenn man zum Orthopäden geht, der einem die Gelenke einrenkt und ein ständig ungutes Gefühl endlich verschwunden ist.
Ich hatte das Gefühl innerlich perfekt organisiert zu sein und mir kamen zu verschiedensten Themen geniale Ideen, auf die ich mich perfekt konzentrieren konnte ohne abzuschweifen. Und ich bekam auf einmal Lust, irgendwas sinnvolles zu tun… irgendwie schöpferisch tätig zu werden und sah dann meinen Berg an ungespülten Geschirr in der Küche. Das gewohnte Gefühl von „och ne… das mach ich morgen… ok übermorgen“ war weg und ich hab mich drangesetzt und es einfach gespült.
Allerdings war ich nicht berauscht – ich hatte kein Euphoriegefühl oder so, ich war einfach…. Hm einfach VOLL DA!
Es war als hätte jemand einen Schalter umgelegt und mich aus dem Gefängnis meiner eigenen Mattigkeit, Verpeiltheit und Faulheit befreit.
Nach etwa 6-7 Stunden ist die Wirkung abgeklungen und ich war wieder wie zuvor auch.
Wisst Ihr – dieses „zuvor auch“ ist ja nicht schlimm… und wenn man sich selbst nur so kennt, erst recht nicht. Aber stellt Euch vor, jemand würde auf einen Knopf drücken und ihr würdet auf einmal erleben wie es ist, absolut perfekt ausgeglichen und 100 % organisiert und leistungsfähig zu sein. Würdet ihr dann nicht ebenso nachdenklich werden? Das hat sich für mich echt so angefühlt als hätte jemand bei mir nen Intelligenz-Booster angeworfen.
Was ich auch sehr beeindruckend fand, waren Geräusche.
Ich war irgendwann draußen und habe alle Geräusche getrennt voneinander wahrgenommen und viel klarer. Vogelgezwitscher, Autos, Leute, die sich unterhalten, Wind… das war nicht mehr diese gleichzeitige Geräuschsuppe, sondern alles ganz klar voneinander abgetrennt und doch gleichzeitig.
So… hm… so als hätte jemand von Monosound auf Dolby Surround gestellt.
Das is schwer zu erklären… Es hatte alles einfach mehr Kontrast und Tiefe.
Ich habe ein bisschen im Internet darüber gelesen und wie mir scheint bin ich nicht der einzige, der mit Ritalin so etwas erfährt. Ich frage mich, ob ich ein geistiges Defizit habe, was durch dieses Medikament ausgeglichen werden könnte, oder ob es normal ist, dass wir nur ein winziges Potenzial von uns ausschöpfen.
Ich glaube nicht, dass man mit
Meditation und dem Wunsch, bewusster zu werden (ich beschäftige mich ja seit vielen Jahren mit spirituellen Dingen) DIESEN Zustand erreichen kann.
Was, wenn mit meiner Gehirnchemie etwas nicht stimmt, oder mit unser aller Gehirnchemie?
Bei Leuten mit AHDS wirkt dieses Medikament übrigens genau umgekehrt! Vielleicht sind die ja die „normalen“ und wir sollten das Zeug nehmen. Vielleicht ist das auch so beabsichtigt um dafür zu sorgen, dass wir dumm bleiben? Vielleicht wurden wir dumm gemacht und ein Mittel wie Ritalin würde das wieder umkehren?
Ich bin sichtlich verwirrt und bin hin und her gerissen zwischen der Vernunft und meinem Stolz, der mir sagt, dass es nicht richtig wäre, sein Wohlbefinden von einem chemischen Wirkstoff abhängig zu machen und der Frage: „wie kann ich denn sonst wieder so werden wie ich es in dieser Zeit war“?
Viele Grüße
Dreality