Hin und wieder packt es mich, dann schreibe ich kleine Geschichten auf. Mal sind es nette Geschichten, mal weniger nette und gelegentlich auch solche, wie die Folgende. Ich bezeichne sie als "
Geschichten vom Nachtwind", da die Impressionen zu diesen Geschichten meist Nachts, oder früh Morgens aufkommen.
Sie sind nicht unbedingt das, was man als leichte Kost bezeichnet. Aber entscheidet selbst...
##### Der Ausgeschlossene ######
Er drehte sich um und versuchte im Halbschlaf die Decken um seinen Körper zu wickeln. Der März wird von vielen als warm empfunden, aber er ist es nicht. Nicht wenn man auf der draußen schläft, wenn man wenig gegessen hat und eine ganz andere Kälte jeden Tag gegenwärtig ist – die Kälte in den Herzen derer, die ihn verachteten, die ihn hassten, obwohl er ihnen nie etwas getan hatte. Es lag an dem was er für sie darstellte: Ein schmutziger Penner, ein alter Trinker, jemand der im Leben versagt hat und der auf der Straße liegt, wie ein weggeworfenes Möbel was seine Zweck erfüllt hatte und dass nun keiner mehr wollte.
Manchmal dachte er noch darüber nach warum ihm die Menschen feindselig begegneten, aber die meiste Zeit reagierte er nur noch mit Ablehnung. Er war üben den Punkt hinaus gelangt, an welchem Selbstmitleid sein Denken bestimmte. Man mochte ihn nicht und er hatte andere Nöte als sich mit dem Warum zu befassen. An diesem Morgen dachte er nach.
Er war heute unzufriedener als gestern – gestern hielt er sich im Zentrum der Stadt auf; eine Einkaufspassage mit all den wunderschönen Bildern die für irgendwelche Dinge warben, welcher er sich in seinem Leben eh nicht mehr würde leisten können. Man sieht Leute wie ihn dort nicht gerne. Dass Sicherheitspersonal der Geschäfte vertrieb ihn, er könnte ja die Kunden durch seine Gegenwart belästigen oder gar etwas klauen. Die Polizei war auch nicht viel besser. Sicher, es gab auch freundliche, aber die meiste Zeit ging er den Helfern in Grün lieber aus dem Weg. Sicher, keine schöne Situation, aber man kam schnell an etwas zu trinken und gelegentlich etwas essbares heran. Am Schlimmsten in der Stadt waren aber die Jugendlichen…
Da gab es die, die sich selbst beweisen mussten wie sozial sie doch waren. Ein paar Cent hier, der Versuch eine Unterhaltung zu führen und zu ergründen wie er in diese Situation geraten war … ‘
gibt bestimmt gute Noten, wenn sie ihre Arbeiten in der Schule ablieferten’, dachte er sich. Dann gab es die Anderen, wenige nur, aber dass waren die Schlimmsten. Sie prügelten auf Leute wie ihn ein, machten sich einen Spaß daraus dass Wenige, was er hatte, zu zerstören und sich an seinen Tränen zu ergötzen. Sie wollten dass er – der Bettler – bettelte, nicht nach Geld, sondern nach Gnade…
Nun, heute würde es ihn nicht kümmern müssen. Die Stadtverwaltung hatte die Polizei einmal mehr angewiesen den Dreck aus der Stadt zu entfernen. Mit „
Dreck“, da waren er und andere Obdachlose gemeint. Irgendein Großereignis führte dazu dass sie heute nicht ins Bild der sauberen Metropole passten. Sie wurden grob eingesammelt, in den Polizeibus verfrachtet und einige Kilometer außerhalb auf einer Landstraße abgeladen – ihre „
Wertsachen“ konnten sie nicht mitnehmen, diese würden auf der Müllkippe landen.
Viele gingen zu Fuß zurück, oder machten sich auf den Weg in eine andere Stadt, er blieb ein wenig hier. Sein Bein machte ihm zu schaffen und er wollte bis zum nächsten Tag warten, bevor er wieder zurückkehrte. Hier lag er nun, in einer kleinen, schmutzigen und verwahrlosten Scheune, um welche sich vermutlich eh niemand mehr kümmerte. Immerhin, er war vor dem Wetter geschützt und es würde ihn niemand vertreiben.
Er hörte dass auffällig laute und falsch klingende Lachen und begriff in seinem Halbschlaf nicht sofort worüber gelacht wurde.
Anhand der Stimmen dachte er sich dass es eine Gruppe Jugendlicher war, welche vermutlich die Schule schwänzten und die hier ihre „
Freizeit“ mit Rauchen und Späßen verbringen wollte. Er bekam Angst!
Was wenn sie ihn hier erwischen würden?
Wie würden sie auf ihn reagieren, wenn sie ihn fanden?
In der Stadt war er zwar nicht willkommen, aber er verstand dass er dort doch sicherer war. Er wollte nach seinem Messer fischen und es sich unter seine schmutzige Jacke stecken – ein altes Küchenmesser, welches er einmal auf einem Haufen Sperrmüll gefunden hatte. Dieses jedoch lag, gemeinsam mit seinem restlichen Hab und Gut, vermutlich schon lange auf der Deponie und wartete darauf gemeinsam mit dem anderen Unrat verbrannt oder recycelt zu werden.
Er zuckte in seiner Ecke als die Türe des Schuppens krachend aufflog. Einer der Burschen hatte sie mit einem Fußtritt geöffnet und ihm folgten vier weitere Gestalten, die sich gegen den erhellten Hintergrund der Türe als schwarze Schemen abzeichneten. Er drängte sich tiefer in seine Ecke. Ja, dass war jene Art Jugendlicher die er fürchtete, jene Art die sich einen Spaß daraus machten ihre eigene Unzufriedenheit damit zu betäuben, indem sie anderen Schmerzen und Kummer bereiteten – und er war wehrlos. Er hätte gegen diese Burschen keine Chance gehabt, nicht einmal ein Knüppel lag in seiner Nähe.
Nicht dass dieser ihm würde helfen können, da machte er sich keine Illusionen. Er war durch die Art wie er lebte geschwächt und bei weitem nicht so schnell wie diese verwöhnten, sportlichen Schlägertypen.
Ein Feuerzeug flackerte auf und er hörte dass Geräusch, welches entsteht wenn Bierflaschen aneinander geschlagen werden. Sie prosteten sich zu, tranken, und dem Geruch nach rauchten sie nicht bloß Zigaretten. Ihre Witze waren grausam und ihre Gespräche drehten sich darum wie man am besten Frauen flach legen, Autos aufbrechen und andere ausrauben könnte. "
Abziehen" wie sie es nannten.
Sie prahlten voreinander, jeder wollte der Bösere, der Gewalttätigere sein und je leerer die Flaschen wurden, desto erregter wurden ihre Stimmen. Er hielt sich still und beobachtete, versuchte keinen Laut zu machen, denn er kannte diese Art von Menschen und wollte kein Risiko eingehen.
Es dauerte vielleicht nicht lange, aber ihm kam es in seinem beengten Versteck wie eine Ewigkeit vor – einer der Jugendlichen stand auf und kam in seine Richtung. Er fingerte am Reißverschluss seiner Hose herum und wollte sich erleichtern, ausgerechnet in der Ecke in der sein Versteck lag. Der Jugendliche war nicht mehr nüchtern und er konnte das Erschrecken im Blick des halben Kindes sehen. Für einen Moment herrschte etwas wie ein telepathischer Kontakt zwischen dem Obdachlosen und dem Jungen. Für den Jungen ergab sich hier die Gelegenheit endlich seiner Gang zu beweisen wer er war, auf der anderen Seite jedoch stand da die Angst etwas tun zu müssen, was er eigentlich ablehnte. Die Augen des Obdachlosen flehten ihn an ihn nicht zu verraten und für einen Moment sah es so aus als würde der Junge sich abdrehen und ihn in Ruhe lassen.
Für einen Moment…