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18.10.2006, 14:09
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Der Stein Beitrag #1 (permalink)
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Gast
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Der Stein
Ich bin bei dir mein Stein, sagte Michelle leise zu ihm. Sieben Jahre hast du mir Kraft und Trost gegeben, manchmal kam ich sogar mitten in der Nacht, wenn ich nicht schlafen konnte und unglücklich war.
Alles habe ich dir anvertraut, meinen Kummer, meine Ängste und auch meine Hoffnungen. Heute bin ich hier um Abschied zu nehmen.
Michel zündete sich eine Zigarette an und beobachtete, wie der Himmel langsam begann, sich im Westen über dem Feld pfirsichorange zu färben.
Das Feld befand sich oben auf einem Bergrücken, nur wenige Schritte von ihrem Haus entfernt. Der Abhang führte terrassenförmig in eine Schlucht hinunter, dort stehen einige alte Olivenbäume, wo der Schäfer gerne mittags seine Rast macht. Später geht er dann mit seiner Herde über die Klippen und führt schließlich am Ende eines langen Tages seine Schafe durch die Schlucht zurück nach Hause.
Die Dämmerung verwandelte rasch den Himmel in ein tiefes Blau, welches dunkler und dunkler wurde, schon blitzen im Osten die ersten Sterne auf.
Michelle drückte ihre Zigarette aus und sog die Luft ein. Es roch nach wildem Thymian, und es war sehr still hier. Drüben auf der anderen Seite der Schlucht leuchtete der Scheinwerfer des Leuchtturms zwei Mal kurz auf. Nach acht Sekunden wieder.... Alles war ihr so vertraut und sie fühlte sich eingebettet in diese Landschaft, ja sie liebte sie und wollte von ihr Abschied nehmen mit der Gewissheit nie mehr zurück zu kehren. Das stimmte sie ein wenig traurig.
Aber dann dachte sie an den morgigen Tag, wo sie nach London und von dort nach Australien fliegen würde und sie war aufgeregt, euphorisch, zündete sich noch eine Zigarette an und dachte dabei, dass sie zuviel rauche... ich rauche zuviel, ich weiß, aber das was ich morgen tue, ist mein Weg in die Freiheit und wenn ich es jetzt nicht mache, werde ich es nie mehr tun.
Mit zweiundvierzig wage ich den Sprung ins Ungewisse. Ich verlasse meinen Mann, meine Kinder und keiner von ihnen ahnt etwas...
Ja mein geliebter Stein, du allein weißt es. Ich bereue nichts.
Sie zog an ihrer Zigarette, beobachtete die aufleuchtende Glut. Und sie fragte sich ob sie feige sei, dass sie es ihm nicht sagte...
Oh nein. Ich bin Realist, denn er würde mich nie gehen lassen. Er wird mich nicht einmal vermissen. Ich fühlte mich in den letzten Jahren meiner Ehe wie lebendig begraben.
Ich gehe mein lieber Stein. Sieben Jahre habe ich dir alles anvertraut. Liebevoll strich sie mit den Fingern über das poröse Gestein, fühlte seine Muschelablagerungen. Du warst bestimmt einmal in der Tiefe des Meeres und ich frage mich, was du erlebt hast... wie alt magst du sein?
Und Michelle dachte an die Urzeiten der Erde, als die Eiszeit nach und nach die Landstriche in Küstennähe freilegte. Wie der Meeresspiegel durch das Abschmelzen der Eisdecke
wieder gestiegen war und das Land unter der See überspülte…
Meerespflanzen und Muschelbänke siedelten sich um den Stein an, Fische nisteten dort und der Stein blieb einige tausend Jahre unter Wasser.
Begonnen hatte alles mit einer riesigen Naturkatastrophe vor elftausend Jahren, als ein Meteorit sich der Erde näherte und als feuerroter Ball in den Puerto Rico Graben einschlug.
Der Meteorit durchstieß die Erdkruste und schlug in den Magma Kern ein.
So wird es gewesen sein, überlegte Michelle. Der Untergang von Atlantis... vielleicht schreibe ich einmal eine Geschichte darüber.
Es folgte eine Reihe von Kettenreaktionen, die alle Vulkane im Atlantik ausbrechen ließen und einen gesamten Erdteil mitten im Atlantik innerhalb einer Nacht und eines Tages untergehen ließ. Dann kamen die Flutwellen und der Regen, wochenlang, monatelang. Und es folgte die Dunkelheit. Hervorgerufen durch die giftigen Gase.
Zweitausend Jahre lag der Stein, im Südwesten der Iberischen Halbinsel in der Dunkelheit. Bedeckt von einer dicken Eisdecke.
Ganz allmählich ging der Meeresspiegel zurück und legte den Stein wieder frei. Es kamen die Pflanzen, die Tiere und dann der Mensch. Feuerstellen wurden errichtet und große heilige Steine aufgestellt, wo man Fruchtbarkeitsrituale vollzog und sich nachts am Feuer die Geschichten alter vergangener Zeiten, von der Sintflut erzählte.
Die Urmenschen, die Lusitanos, waren die ersten Menschen in Portugal. Dann kamen die Westgoten, die Phönizier, die Wikinger und die Römer.
Vor siebenhundert Jahren eroberten die Mauren das Land, sie blieben siebenhundert Jahre und hinterließen dreissig Prozent genetischen Anteil ihrer Rasse in den Einwohnern der Algarve. Al-Garb, so nannten die Mauren ihr Land damals, das bedeutet ganz im Westen.
In der Nähe stieß ein Käuzchen seine heiseren Schreie in die Luft, Michelle fröstelte, sie zog sich ihre Jacke über und dachte an die letzten Monate zurück. Sie hatte sich in einen zwanzig Jahre jüngeren Mann verliebte. Er hatte die dunklen stechenden Augen und die ausgeprägte Nase eines Arabers und das faszinierte sie.
Trotzdem, diese Liebe fand mehr in ihrem Kopf statt, als sonst wo, aber sie machte sie wieder lebendig, sie begann aufzuleben, das Leben zu umarmen. Und vor allem die Entscheidung zu treffen, sich von ihrem Mann zu trennen. Wusste sie mit nun Sicherheit, dass sie ihn nicht mehr liebte.
Ja, die Liebe mit Pedro Alvarez fand mehr in meinen Träumen statt.
Sie lächelte, einmal hatte sie Pedro geliebt. An dem kleinen Felsenstrand unten. Der Mond spiegelte sich auf dem Wasser, ich werde es nie mehr aus meiner Erinnerung verlieren.
Michelle streichelte über den Stein, Pedro will nach Australien nachkommen, aber ich gebe nicht viel drauf, diese Liebe ist nicht mehr als ein Strohfeuer und hat mir geholfen, mich zu befreien. Ich bin in meiner Ehe oft genug betrogen worden und dann war es das wert.
So gehe ich morgen auf leisen Sohlen auf und davon.
Ich hoffe, dass ich die Kinder bald nachholen werde, der Anwalt warnte mich, sie einfach mitzunehmen, das sei Entführung, und außerdem, wie soll ich mir anfangs mein Leben mit zwei Kindern neu aufbauen? Das ist die Ungerechtigkeit, die an uns Frauen von den Männern begangen wird. Wir Frauen sind immer benachteiligt, jetzt soll er mal für die Kinder sorgen.
Nein, ich bin nicht gewissenlos dachte sie und ihr kam jene kalte Novembernacht in den Sinn, wie sie herkam zu ihrem Stein. Der Wind jagte oben die Wolken am Himmel über einen bleichen Mond, das war vor drei Jahren, als sie dahinter kam, dass ihr Mann ein Verhältnis mit einer Freundin von ihr hatte.
„Warum ich?“, schrie sie in die Nacht hinaus. „Nimmt es denn kein Ende mehr? Warum das
Leid?“
Sie kniete damals am Boden und umarmte ihren Stein, fühlte seinen Atem, er hatte den Hauch der Ewigkeit, der ihr wieder Kraft gab, weiterzumachen mit ihrem kleinen Leben.
„Du hast die Ruhe der Jahrtausende, ich will weiterleben, allein um schon zu erfahren, was in meinem Leben geschehen wird.
Damals nach dieser Novembernacht, hatte sie die Weichen gestellt, begann ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.
Morgen fliege ich auf die andere Seite der Erde. Ja, ich weiß, ich nehme mich selber mit, aber ich bin voller Zuversicht.
Sie umarmte lange Zeit den Stein, dann stand sie auf und ging.
2004
Red Spot Hollow  
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