Ich las mal eine Geschichte und diese faszinierte mich:
Vor Jahren erzählte mir ein Freund folgende Geschichte: In der ungarischen Pußta lebte zur
Zeit der alten österreichischungarischen Monarchie ein Schafhirte, der in seinem ganzen
bisherigen Leben nicht über die Pußta hinaus gekommen war. Tag für Tag trieb er dort seine
Herde über die Weide und war glücklich und zufrieden, denn er kannte keine großen
Probleme. Ein Problem entstand nur dann, wenn der Schafhirte bemerkte, daß ein Schaf der
Herde nicht mehr gut folgen konnte, daß es Mühe hatte, sein Futter zu finden, weil offenbar
irgend etwas an seinen Augen nicht mehr in Ordnung war, so daß seine Sehfähigkeit
beeinträchtigt war. Das war recht mühsam, denn dann mußte der Hirte sich in besonderem
Maße um dieses Schaf kümmern und konnte vielleicht nicht mehr so gut die Herde als Ganzes
überblicken, oder er mußte das Schaf schlachten, leider meistens viel zu früh, denn dieses
Schaf hätte noch manches Jahr prächtige Wolle gegeben. Der Schafhirte bemerkte, daß der
Grund für die Blindheit der Schafe eine Trübung der durchsichtigen Hornhaut war, die sich
über den Augapfel spannte. Er überlegte, daß, wenn er mit dem Messer diese Trübung
wegschnitt, das Schaf vielleicht wieder eine Chance hatte, zu sehen und sein Futter selbst zu
finden. Wenn nicht, dann blieb immer noch der Bratspieß als Alternative. Der Hirte versuchte
dies einfach und hatte Erfolg. Die Schafe konnten wieder etwas sehen und vor allem ihr Futter
selber finden. Jahrelang operierte der Hirte auf diese Weise seine blinden Schafe mit Erfolg
und machte sich keine weiteren Gedanken darüber.
Eines Tages kam ein Mann zu ihm, der aus dem gleichen Grunde blind war. Er bat ihn, das,
was er mit seinen Schafen machte, auch an ihm zu versuchen. Warum nicht, dachte der
Schafhirte, Auge ist Auge, ob bei Schaf oder Mensch, und er nahm sein Messer und operierte
den Mann. Bald kamen noch mehr Menschen, und der Schafhirte operierte auch sie. Er
operierte mal Schaf, mal Mensch, offenbar mit Erfolg, denn immer mehr blinde Menschen
kamen zu ihm. Die Sache sprach sich denn auch bald herum, und so hörte auch die
ehrwürdige Medizinische Fakultät in Budapest davon. Da es die Zeit der alten österreichischungarischen
Monarchie war, rief der Professor nicht gleich die Polizei zur Wahrung der
ärztlichen Standesinteressen, sondern beschloß, die Angelegenheit etwas näher zu betrachten.
Wer weiß - vielleicht kam dabei etwas zum Segen der medizinischen Wissenschaft heraus. Er
lud also den Schafhirten ein, der Medizinischen Fakultät in Budapest einen Besuch
abzustatten, damit sich den Professoren und Studenten Gelegenheit bot, mit dem
»Amateurchirurgen« zu sprechen und seine Operationsmethode kennenzulernen.
Der Schafhirte folgte der Einladung und operierte in der Gegenwart des
Professorenkollegiums einige Schafe. Die Professoren waren von seinem natürlichen,
intuitiven Können sehr beeindruckt, und der Ordinarius fragte ihn, ob er seine Kunst auch an
Patienten der Klinik versuchen wolle. Der Schafhirte sagte ja, denn was in der heimatlichen
Pußta ging, das mußte doch eigentlich auch in Budapest gelingen. Und so operierte der
Schafhirte mit Erfolg auch einen Patienten. Die Professoren waren noch tiefer beeindruckt,
um so mehr als sie bemerkten, daß der Schafhirte offensichtlich über keine medizinischen
Kenntnisse verfügte.
Der Ordinarius fragte daraufhin den Schafhirten, ob er denn eigentlich wisse, was er mache,
und wie das Auge gebaut sei. Der Schafhirte wußte darauf keine klare Antwort zu geben. Er
führte sein Messer nach dem Gefühl und nicht nach den Erkenntnissen der Anatomie. Da
führte der Ordinarius den Hirten vor ein Modell des menschlichen Auges und erklärte ihm
dessen Anatomie und Struktur und zeigte ihm, was er während der Operation gemacht hatte.
Von dieser Stunde an konnte der Schafhirte kein einziges Auge mehr operieren, weder ein
Schafauge noch ein Menschenauge. Er hatte seine Unbefangenheit verloren und traute sich
nie mehr an dieses Wunderwerk der Schöpfung, das Auge, heran. Er hütete fortan seine
Schafe weiter, ohne je wieder zu operieren, weder Schaf noch Mensch.
Wäre aber der Schafhirte, so schloß mein Freund die Geschichte, in Budapest geblieben und
hätte dort an der Medizinischen Fakultät studiert, wäre er der genialste Augenchirurg der Welt
geworden, denn Intuition und Wissen hätten sich bei ihm zu einer Einheit verschmolzen und
ihm dadurch ein vollendetes Können ermöglicht.
Hier beendete mein Freund die Geschichte, und doch läßt sie sich weiter erzählen. Vielleicht
hätte der Schafhirte auf die Einladung des Ordinarius, an der Fakultät Medizin zu studieren
und der Welt damit ein einzigartiges chirurgisches Talent zu schenken, geantwortet: »Wer
hütet denn derweil meine Schafe?« Und wer weiß, vielleicht hätte der wohlstudierte Professor
geantwortet: »Da mach dir nur keine Sorgen. Wenn du hier in Budapest bist, dann gehe ich in
die Pußta und hüte deine Schafe.« Während der Zeit, da der Schafhirte in Budapest Medizin
studierte, wäre der Professor in einfacher Kleidung, ohne alle akademischen Würden und
Titel, mit der Herde durch die Pußta gezogen und hätte im Einklang mit der Natur das Leben
von seinem Urquell her erfahren. Ja, dann hätte die Welt zwei ebenbürtige geniale
Augenchirurgen gehabt.