Meine ecocommunity November 2013
Unsere community sortiert sich noch.
Wir sind überwiegend Leute zwischen 20 und dreißig Jahre alt. Viele haben vor, Familien zu gründen. Es sind auch allein erziehende Mütter mit ihren Kindern dabei.
Ich bin dieses Jahr im Sommer 56 Jähre alt geworden. Meine älteste Tochter Gizzela ist seit kurzem 31 Jahre alt und im zweiten Monat schwanger. Sie betreut Marja, ein sechsjähriges elternloses Mädchen aus Brasilien. Marco, der Vater ihres ungeborenen Kindes, renoviert zusammen mit einem Team handwerklich begabter Männer und Frauen ein weiß getünchtes Häuschen mit blauen Fensterläden für die junge Familie. Marco arbeitet als Biologe für unsere Community. Er beobachtet das Ökosystem Strand und führt Buch über die Vermehrung der einheimischen Arten.
Das ist eines der Projekte unserer ecocommunity. Die älteren Einheimischen erinnern sich daran, dass vor der Entdeckung Kretas als Touristenziel unzählige Vögel die Luft belebten. Ab den achtziger Jahren wurden großflächig Insektenvernichtungsmittel versprüht. Das hatte natürlich zur Folge, dass Insekten fressende Vögel vergiftet wurden. Jetzt gibt es mehr Fliegen und Mücken auf Kreta als vor der Einführung von Insektenvernichtungsmitteln. Natürlich werden seit dem Übergang so gut wie keine Chemikalien mehr verwendet, aber bis der Vogelbestand sich ausschlaggebend vermehrt hat, wird es noch viele Jähre dauern.
Im Sommer und Herbst verbrennen wir Räucherwerk in unseren Häusern, um Fliegen und Mücken abzuhalten. Einige experimentierfreudige Shareholder probieren verschiedene Pflanzen aus oder arbeiten mit Telepathie. Während des Winters und im Frühling ist eh keine Saison für die Plagegeister.
Wie von fast allen Häusern in Rodakino hat man von Gizzelas und Marcos Haus einen weiten Blick ins Tal und aufs Meer. Im nächsten Frühjahr werden wir purpurne Bougainvillae und Jasmin an die Hauswand pflanzen.
In dem kleinen Gärtchen, das zu Gizzelas und Marcos Haus gehört, hängen die letzten Tomaten, Auberginen und Paprikaschoten in den Stauden. Das Grün ist verdorrt. Bald werden die winterlichen Regenfälle Kräuter und Salate zum Sprießen bringen. In Kürze werden wir die ersten Orangen und Zitronen der Saison ernten können. Ich freue mich auf die kalte Frische der saftigen Früchte, die am besten nach einem Regen frisch geerntet schmecken.
Stefanos, der unverwüstliche Fischer mit dem schwarzen Lockenkopf und der fleischigen Alkoholikernase, sitzt vor dem Fischerhaus am Strand und säubert die Haken einer langen Nylonleine von Köderresten. Als Schürze hat er sich einen schwarzen Müllsack mittels eines Gummibandes um den Bauch gebunden. „Stefanaki-Patent“ nennt er das und grinst zahnlückig unter seinem grauen Schnauzbart. Seine braunen Knopfaugen blitzen vergnügt, als er der getigerten Katze ein Stück Fisch hinwirft.
Auch Vorbeireisende helfen mit, manche lassen sich die Arbeit in ecocredit bezahlen, andere möchten lieber für Mahlzeit und Übernachtungsgelegenheit arbeiten. Manche lassen sich in unserem Dorf nieder.
Viele, vor allem junge Menschen, sind auf Wanderschaft. Sie sind zu Fuß unterwegs, fahren mit Bussen, Bahnen und Fahrrädern; manche reisen mit Pferden oder Eseln.
Die meisten haben wenig Gepäck bei sich, denn beim Reisen in der neuen Welt lernt man, sich zu befreien von der Schwere der Dinge.
Kleine Unternehmen, die auf die Bedürfnisse von wandernden Shareholden eingehen, sind wie Pilze nach einem Herbstregen aus dem Boden geschossen.
Unter den Reisenden sind Musiker und andere Künstler aus aller Welt, die ihre Fähigkeiten mit Freude zum Wohl unserer Community einbringen. Irgendwo wird immer Musik gemacht und getanzt.
Bei trockenem Wetter biete ich morgens um halb neun traditionelle Tänze zum Mitmachen auf dem Dorfplatz vor dem Kafenio an. Wir tanzen einfache kretische, griechische und albanische Tänze, mit Livemusik oder zu CDs, wie es sich grad ergibt.
Es war gar nicht so einfach im Januar 2013, nach Kreta zu kommen, denn die Maschinisten der Fähren waren sofort nach dem Start der GRB in Streik getreten. Sie weigerten sich, in dem ölstinkenden heißen Schiffsbauch weiter zu arbeiten, forderten gesunde Arbeitsbedingungen und angemessene Löhne.
Der Umbau der Schiffe musste finanziert werden. Die Reedereileitungen setzten sich natürlich sofort mit GAIALINK in Verbindung, einer kürzlich gegründeten Firma, die Anträge zur finanziellen Unterstützung an die UN und NGOs stellte. Dass das Geld bewilligt würde, stand außer Frage. Es konnte aber einige Wochen dauern. Also musste erst ein Kredit bei einem griechischen Geldinstitut aufgenommen werden zwecks Zwischenfinanzierung.
Zwischenzeitlich fanden sich gelegentlich Maschinisten, die in stündlich wechselnden Schichten zum dreifachen des bisherigen Stundenlohns arbeiteten.
Inlandflüge waren stark reduziert worden, denn die Nachfrage sank stetig.
Alle Hotels in Athen und Piräus waren belegt mit Shareholdern, die auf Plätze auf Fähren warteten. Die Stimmung war heiter-beschwingt, es schien Tag und Nacht Parties zu geben. Das war auch nötig, denn es war kalt und regnete oft. Durch Tanzen konnte man sich aufwärmen. Die Leute hatten Zeit, einander kennen zu lernen. Weil alle Geld hatten, und da Münzen und Scheine abgeschafft waren, verlor man die Angst vor Diebstahl. Menschen entdeckten viel leichter als früher liebenswerte Seiten an anderen und inspirierten einander. Die Leute erzählten sich gegenseitig von ihren Plänen im neuen Zeitalter.
Es stört mich überhaupt nicht, dass der Ölpreis um fast 50 Prozent angestiegen ist. Es betrifft mich kaum. Das bisschen Sprit für den Außenbordmotor zahle ich gern mehr. Hab ja genug Geld. Meine tägliche Überweisung -von GRB Reserve und Einnahmenkonto- ist mehr als genug für das was ich kaufe. Ich kaufe wenig. Spare jeden Monat für die Renovierung meines Ein-Zimmer-Häuschens. Miete, Strom und einige Lebensmittel sind regelmäßige Ausgaben. Kleidung, Schuhe oder Haushaltsgegenstände muss ich selten neu erwerben. Das Olivenöl kaufe ich bei meinem kretischen Nachbarn, der auf nachhaltigen Anbau umstellt. Das war der Wunsch unserer community, und wir unterstützen ihn finanziell. Im neuen System läuft das unter „Investition in die Erneuerung von Ökosystemen“ und entspricht Artikel 2 der GRB Charta.
In unserer Community wird auch Käse hergestellt aus Schafs- und Ziegenmilch.
Unsere andere vordringliche Investition ist die fachgemäße Isolierung der Häuser. Die meisten Häuser im Dorf sind Betonbauten. Wir haben vor, einige abzureißen und uns darauf geeinigt, dass in unserem Dorf nur noch in traditioneller Bauweise, nämlich mit einheimischem Felsgestein gebaut wird.
Alle alten Häuser werden aufwändig restauriert. Wir lassen die undichten alten Fenster durch Isolierglasfenster ersetzen, mit blau oder türkis gestrichenen Rahmen und Fensterläden. Einige haben sich schon schöne weiß gekalkte Steinöfen in ihre Häuser gebaut. Den Fußboden vor meinem Einzimmerhäuschen habe ich mit einem Mosaik aus grauen, weißen und schwarzen Strandkieseln ausgelegt. Das Becken mit dem Wasseranschluss außen unter dem Vordach ist von außen mit einem bunten Fliesenmosaik geschmückt. Ich liebe es, mich mit Schönheit zu umgeben und Kunstwerke zu schaffen, die sich harmonisch in die Natur einfügen.
Durch die Mitgliedsbeiträge und Shareholder-Investitionen in Ökosysteme hat unsere Community jeden Monat um die 50.000 ecocredits zur Verfügung. Mit dem Geld unterstützen wir die nachhaltige Landwirtschaft und Fischerei, finanzieren unser „Ökosystem Strand Projekt“, kaufen Immobilien, bezahlen die Handwerker und Künstler, die unser Dorf verschönern, die Kompostierungsanlage und bezuschussen unser sehr gut besuchtes Internet-Cafe. Das Internet Café haben wir im Restaurant des ehemaligen „Saint George Hotel“ eingerichtet. Das heißt jetzt „Rainbow Spirit“ und wird von einer Hausgemeinschaft betrieben. Neun Leute teilen sich gegenwärtig die zwölf ehemaligen Gästezimmer, die alle mit großen Balkons ausgestattet sind.
Weil sie nicht mehr allein auf die Einnahmen durch Landwirtschaft angewiesen sind, verkleinern die kretischen Viehhalter ihre Herden. Die Zahl der Schafe nimmt ab, und das ist gut für die Berghänge. Die Vegetation kann sich erholen.
Zweimal pro Woche fahre ich mit dem Bus nach Rethymnon.
Seit 9 Monaten fließt dort wieder reines, wohlschmeckendes Trinkwasser durch die Leitungen und aus den Hähnen. Es wird kein kretisches Wasser mehr exportiert, die ecocommunities haben die Rechte an den Quellen zurückgekauft von den Firmen.
Ich arbeite in einem großen Team, dass eine völlige Neustrukturierung des Tourismus auf Kreta ausarbeitet.
Wir haben angefangen, wechselweise Strände für drei Jahre zu sperren, damit sich die Ökosysteme erholen können. Es gab kaum noch Vögel am Meeresufer, weil im Ölzeitalter um des Profits willen gnadenlos Arten ausgerottet wurden. Auch der Bestand von Meeresbewohnern ist alarmierend gesunken, und die Strandvegetation braucht Erholung.
Reisende, die mit dem Auto unterwegs sind, müssen mehr für ihre Hotelzimmer bezahlen als Leute, die mit dem Bus ins angereist sind. Es gibt weniger Hotels als vor der Systemumstellung, die Leute haben genug Geld zum Leben, ohne dass sie Zimmer an Touristen vermieten müssen. In vielen ehemaligen Pensionen leben jetzt Familien oder Hausgemeinschaften.
Wir haben einen Antrag an die UN gestellt, den Palast von Phaestos wieder aufzubauen als internationales Kunstprojekt.