DIE BILDER DES HIMMELS
Der Wind wehte durch ihr fahles
Haar. Man kannte die Farben braun, rot oder blond nicht mehr, sie waren vergessen, verloren wie alle anderen Farben auch. Ihre aschgrauen Augen sahen ihn an, ausdruckslos, und doch schien hinter dem erloschenen Glanz etwas zu warten, etwas Ruhendes, etwas Schlafendes, das den richtigen Augenblick erwartete, um zu neuem Leben zu erwachen.
Nur ein Hemd bedeckte ihren zarten Körper, ein bleicher Fetzen, der sich der Farbe ihrer Haut anzupassen schien. Ihre Beine und Füße waren nackt und die Knochen schienen durch die Haut ihres gesamten Körpers zu stechen. Trotzdem fand er, dass sie ein hübsches Gesicht hatte, ein Gesicht, das keine Verunstaltungen aufwies wie bei den meisten. Es war ein etwas schmaler Kopf und die Wangenknochen standen nur ein wenig hervor, genug jedoch um dem Gesicht eine gewisse Arroganz zu verleihen, einen gewissen Stolz.
Das Mädchen nahm seine Hand in ihre, und er sah, dass auch diese wohlgeformt war, so wie er es in den Büchern von früher gesehen hatte, Bücher, aus denen er auch die Farben kannte. Doch diese Bücher waren kaum noch zu finden. Teilweise waren sie vernichtet worden, teilweise versteckt, eingesperrt wie ein Verbrecher, dessen einzige Tat darin bestand, Leuten davon zu berichten, wie diese Welt einmal gewesen war.
Sie war wirklich hübsch, fast erschreckend normal für diese Zeit, in der sie nun alle lebten, Tausende und Abertausende von Jahren nach der Zeit, aus der die Bücher stammten. Man hatte sehr lange keine Bücher gedruckt. Alles Wissen, das man benötigte, lernte man von flimmernden Bildschirmen, die mit einer Tastatur verbunden waren. Er hatte solche Apparate schon mehrmals gesehen, doch sie funktionierten nicht mehr. Sie brauchten Strom, hatte man ihm erklärt. Doch es gab keinen Strom mehr und so konnten diese Bildschirme ihm ihr Wissen nicht mehr mitteilen. Bücher brauchten keinen Strom, man öffnete sie und konnte im Zwielicht dieser Welt auf die Bilder starren und die Schriften darunter entziffern. Selbst das wenige von Helligkeit, das übriggeblieben war, konnte die Farben der Bilder nicht auslöschen.
Stundenlang hatte er sich diese Bilder angesehen. Auf vielen waren Tiere abgebildet, von denen heute noch degenerierte Formen zu finden waren. Andere wiederum zeigten Menschen, Frauen mit lachenden Gesichtern und Kinder mit strahlenden Augen. Er hatte sich, auf diese Bilder hin, ins eigene Gesicht gefasst, um etwas von dieser Schönheit darin wiederzufinden, doch seine schiefen Augen und seine fehlende Nase, sein zahnloser Mund und sein kahler Kopf waren ihm vorgekommen wie eine Karikatur dieses lang vergessenen Lebens.
Nur einmal hatte er es gewagt, in einen Spiegel zu sehen. Noch heute schrak er innerlich vor dem zurück, was er dort erblickt hatte. Es hatte ihn selbst verwundert, dass er gedanklich eine solche Hässlichkeit nicht erfassen konnte. Es kam ihm vor, als wäre sein Gedächtnis eines jener Menschen, die vor vielen, vielen Jahren die Erde bevölkert hatten; denn er konnte nicht verstehen, wie er, der jeden Tag solche ekelerregenden Gestalten wie er selbst eine war traf, doch noch so von seinem eigenen Aussehen erschrocken war.
Er erinnerte sich an ein Wort, das er in einem dieser Bücher gelesen hatte, Bücher, die nun verschwunden waren wie die Schönheit dieser Erde, die sie beschrieben. 'Krüppel', hatte er gelesen und dann, dass diese Leute bedauert, doch auch verabscheut wurden. In dieser Welt schien es kein Bedauern mehr zu geben, keine Abscheu. Die Welt war einfach zu furchtbar geworden, um solche Gefühle überleben zu lassen. Er selbst war auch ein 'Krüppel', das waren die meisten hier. Er konnte sich kaum fortbewegen und er hatte sogar Schwierigkeiten, die Blätter der Bücher mit seinen deformierten Händen umzudrehen.
Es fing an zu regnen. Kein Haar fing die kalten Tropfen ab, und so lief das Wasser gleich über sein Gesicht. Als er sich mit der Hand über den Kopf streichen wollte, um so das Gefühl von Kälte, die dieses Wasser mit sich brachte loszuwerden, wurde ihm wieder bewusst, dass das Mädchen noch immer seine Hand hielt. Sie kniete zu ihm nieder und nahm einen Zipfel ihres Hemdes, um ihm das Gesicht abzuwischen. Er konnte noch immer nicht verstehen, wie ein solch hübsches Geschöpf sich nicht vor ihm ekeln konnte.
Vor langer Zeit hatte er ein Buch über Fabelwesen gelesen. Die Elfen hatten ihn fasziniert, die Einhörner, die Pegasen und auch der Phoenix, der ins Feuer flog um aus seiner eigenen Asche immer wieder aufzuerstehen. Doch dann hatte er über Gnome und Trolle gelesen, über diese unsagbar hässlichen und bösartigen Wesen, die nur über Nacht aus ihren Verstecken krochen, so dass man ihre verzerrten Visagen, ihre klauenartigen Hände und ihre gekrümmten Gestalten nicht im Tageslicht erblicken konnte. Noch heute fragte er sich, ob damals auch schon eine solche Katastrophe gewesen war, die sich immer wieder von neuem wiederholte und solche Kreaturen wie ihn wieder hervorbrachte.
Ein leichter Ruck an seiner Hand ließ ihn aus seinen Gedanken aufschrecken. Das Mädchen war einen kleinen Schritt vorwärts gegangen und bat ihn nun mit einem erneuten kleinen Ruck, ihr zu folgen. Langsam bewegte er sich, bedacht darauf mit seinen Füßen Halt zu finden, ohne im sumpfigen Boden zu versinken. Er blickte zu ihr auf, bat sie wortlos um Verzeihung, da ihr Vorwärtskommen durch ihn verzögert wurde. Doch sie nickte nur und wartete geduldig, bis er wieder neben ihr stand und sie so zu ihrem nächsten Schritt ausholen konnte.
Sie kamen nur mühsam voran. Eigentlich wusste er gar nicht, wohin das Mädchen ihn führte, und je länger sie unterwegs waren, um so mehr fragte er sich, wieso er ihr überhaupt folgte. In dieser grauen Umgebung hatte er sich noch nie zurechtgefunden, und so wußte er bald nicht mehr, wo sie waren. Er musste ihr nun folgen, in der Hoffnung einen Ort zu erblicken, den er wiedererkennen würde. Doch je weiter sie gingen, in dieser lautlosen Wüste, in der Ruinen alter Gebäude wie stumme klagende Wesen herausragten, um so sicher war er sich, dass er nun hoffnungslos verloren war.
Bald machten die zerfallenen Gebäude etwas anderem platz, etwas, das ihn wieder in Gedanken zu seinen so geliebten Büchern zurückführte. Fast furchterregend ragten sie vor ihm auf, und doch erkannte er diese stillen Riesen als Bäume. Die ersten waren noch kahl und gänzlich verkohlt, doch schon bald nachdem sie etwas tiefer in den Wald eingetreten waren, konnte er Blätter an den dünnen Ästen erkennen, Blätter, die die Umgebung noch mehr verdunkelten und doch ein beruhigendes Gefühl in ihm erweckten, das Gefühl, dass die längste vergessene Welt, nach der er sich so sehnte, doch noch nicht verloren war.
Die Dunkelheit um sie herum ließ langsam nach. Und als sie auf die Lichtung hinaustraten, musste er die Augen schließen. Er war bisher nur an das fahle Zwielicht seiner Welt gewohnt gewesen, und nun konnte er sich nur langsam an eine solche Helligkeit gewöhnen. Doch dann blinzelte er und öffnete schließlich die Augen einen kleinen Spalt, um doch sehen zu können, was ihn umgab. Er stand auf einer Wiese, dessen grüne Farbe durch die Helligkeit nur noch stärker hervorgehoben wurde. Er schien von diesem Grün umgeben zu sein, und er hatte das Gefühl, darin ertrinken zu können. Er blickte zum Himmel, dessen Blau ihn augenblicklich faszinierte. Er konnte eine Wolke erblicken, eine kleine weiße Wolke, die nichts mit der erdrückenden grauen Masse, die den Himmel bedeckte, den er bisher kannte, gemeinsam hatte.
Er ließ seinen Blick weiterhin über den Himmel schweifen, über die Wolke und dann wiederum über das endlose Grün der Wiese. Und dann bemerkte er, dass dieses ganze Paradies von dem Wald umzäunt wurde. Die Bäume erschienen ihm wie ein Schutz, eine Mauer, die diese Schönheit nicht einsperrten, sondern das Grauen der anderen Welt von diesem Ort fernhielt. Er hockte sich nieder, um sich wieder in den Farben zu verlieren, und als er wieder an die Bilder in den Büchern zurückdachte, stellte er fest, dass auch das schönste Bild das Gefühl von Leben, das dieser Ort ausstrahlte, nicht wiedergeben konnte.
Schon bald jedoch ergriff das Mädchen erneut seine Hand, um ihn wieder fortzuführen. Zuerst fürchtete er, dass sie ihn zurück in seine trostlose Welt bringen würde, doch dann merkte er, dass sie sich nur weiter davon entfernten und tiefer in diese paradiesische Schönheit eindrangen. Jetzt waren seine Augen an die Helligkeit gewöhnt, und so sah er sich um, immer neue Dinge entdeckend. Auch sein Gehör, von der Totenstille, die es bisher umgeben hatte abgestumpft, fing an Geräusche zu vernehmen. Bisher hatte er nur das Stöhnen sterbender Menschen gehört und auch manchmal, wenn auch nur sehr selten, hatte er Schüsse vernehmen können. Doch obwohl er sehr viel durch die Bücher hatte lernen können, so hatte er nie etwas über Klänge erfahren.
Und obwohl er von den Wiesen und dem hellen Himmel nicht genug haben konnte, schloss er nun die Augen und hörte dem Wind in den Blättern der Bäume zu, dem Geräusch seiner schleppenden Schritte im Gras und dem Zirpen der kleinen grünen hüpfenden Wesen, denen er so gerne nachgejagt wäre, hätte sein Körper es ihm erlaubt. Er kannte diese Grashüpfer - wie alles andere auch - aus den Büchern, doch es erfreute ihn sehr, ein Tier zu sehen, dessen Körper nicht durch Strahlen verseucht und deshalb zu einem Ungeheuer mutiert war, und sei es auch nur ein kleines Insekt.
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