Die
Engel
In einem Dorf nahe des Berges Hatimil sorgten zwei Schwestern für Aufregung. Mirá und Esli hatten am gleichen Tag einen Sohn zur Welt gebracht. Doch die
Hexen, die ihnen bei der Geburt beigestanden hatten, machten sich große Sorgen. Obwohl die beiden Jungen wohlauf und auch quicklebendig waren, waren sie doch nicht normal gewachsen, sondern trugen auf ihrem Rücken buckelige Gewülste. Die Dorfältesten wurden gleich zusammengerufen und man beriet sich, was es mit diesen Kindern auf sich haben sollte. Schließlich wurde beschlossen, dass man, genau wie man auch alten oder verstümmelten Menschen hier im Ort das Recht gab, einen Platz in der Gesellschaft einzunehmen, man auch diese Jungen im Dorf willkommen heissen würde. Mirá und Esli waren überglücklich, denn trotz des buckeligen Rückens hatten sie ihre Babys in ihr Herz geschlossen und hätten sie nur ungern dem Tod übergeben. So wurde alsbald ein Fest gefeiert, das die Neugeborenen in der Gesellschaft aufnahm.
Einige Wochen später standen die beiden Geschwister wiederum besorgt vor der Hütte des Medizinmannes, der beim Anblick der Kleinkinder gleich die Hexen zu Rate zog. Die Haut des Rückens war aufgeplatzt und darunter konnte man kleine, zarte Fügel erkennen, über welche sich ein weisser Flaum zog. Wiederum setzten sich die Dorfältesten zusammen um über das Schicksal der Kinder zu beraten. Schließlich sprach Mohul, ein blinder Mann, der bisher in aller Stille zugehört hatte, was die anderen verkündeten: "Auch wir Menschen haben nicht immer gleich ausgesehen, doch deswegen hat man uns nicht verstoßen. Nur diese Änderungen machten aus uns, was wir nun sind, und kann auch diese Änderung nur etwas gutes verheissen, wenn wir sie recht zu nutzen wissen". Obwohl Mohul seine Augen für immer verschlossen hatte, wusste er doch, dass die anderen nickten. Und wiederum konnten die Ehemänner ihre geliebten Frauen mit ihren Söhnen in die Arme schliessen, und ihr Leben mit ihrer Familie fortsetzen.
Die beiden Jungen Erin und Rahzé wuchsen zwar nebeneinander auf, aber außer einem gleichen Aussehen gab es kaum Gemeinsamkeiten. Erin, Mirás Sohn, flog jeden Tag bis zur Schule und führte auch dort den anderen Kindern vor, was immer er von Flugkünsten neu erlernt hatte. Auch flog er in die Bäume, um dort von den süßesten Früchten, die hoch oben an den Zweigen hingen zu naschen. Mirá bestrafte ihren Sohn wohl wegen des Diebstahls, ließ ihn aber seine Flügel nutzen, und sah mit großer Freude, wie sich diese entfalteten und Erin immer sicherer in der Luft wurde.
Esli hingegen erklärte ihrem Sohn, zu bedenken, dass die anderen Dorfbewohner kein solches Glück hatten, mit Flügeln geboren zu werden, und ihnen somit nicht andauernd zu zeigen, dass er im Vorteil ihnen gegenüber sei. Auch erzählte sie ihm von einer Legende aus einem weit entfernten Land, in dem jemand mit seinen Flügeln zu hoch hinauswollte und somit der Sonne zu nahe kam. Und obwohl Rahzé seinen Vetter in seiner Art und Weise respektierte, zog er es doch vor, seine Flügel unter einem Umhang zu verbergen. Als Esli darüber mit ihrer Schwester sprach, meinte diese nur lächelnd: "Ach, lass die beiden doch! Es sind nur Kinder, die ihre Bewegungsfreiheit doch genießen sollten. Ich bin mir sicher, dass die beiden ihre Fähigkeit irgendwann zum Wohle des Dorfes benutzen werden, so wie der Seher uns vor zukünftigen Gefahren warnt und Talia ihre leckere Suppe an alle Dorfbewohner verteilt".
So wuchsen die beiden Knaben zu erwachsenen Männern heran, der eine aufgeschlossen und die Bewunderung der jungen Mädchen besonders genießend, der andere still, darauf bedacht, mit seinen Flügeln keinen Neid bei den Dorfbewohnern hervorzurufen. Rahzé dachte, sich auch bewusst zu sein, welch fabelhaftes Geschenk er von der Natur erhalten hatte und wollte deswegen nur im Notfall davon Gebrauch machen.
Und eines Tages war der große Berg Hatimil nicht mehr still. Die Seher hatten schon vor der großen Gefahr gewarnt und auch der Boden hatte erst kaum merklich und dann immer stärker gebebt. So brach er dann an der Spitze entwei und aus der tiefen erdenen Wunde ergoss sich ein Strom heißer Lava, die sich mit großer Geschwindigkeit einen Weg ins Tal bahnte.
Die Dorfbewohner packten in aller Eile ihre Siebensachen, um so schnell wie möglich in höhere Gegenden zu flüchten, wo sie sich vor der glühenden Gefahr sicher wähnten. Einige Menschen, die auf kleinen Anhöhen wohnten, ließen sich jedoch Zeit und halfen indessen denen, die näher am Fuße des Berges wohnten, damit diese sich in Sicherheit bringen konnten. Und zu denen, die auf den Anhöhen wohnten, gehörten auch Mirá und Esli. Auch Rahzé und Erin halfen so gut sie konnten, Rahzé, indem er half, die Lasten der älteren Männer und Frauen zu tragen, welche keine starken Packesel besassen und Erin indem er über die Lavaströme hinwegflog und verirrte Menschen und Tiere in Sicherheit trug.
Schlussendlich jedoch mussten auch die beiden Geschwister ihre Hütten räumen. Die Lava, an einigen Stellen schon erkaltend, an anderen weiterhin riesige dampfende Flüsse bildend, hatte nun auch die kleineren Anhöhen erreicht und begann nun auch, diese zu erobern, die Hütten darauf halb verbrennend, halb unter sich vergrabend.
Doch nun, als sich die Dorfbewohner an einem sicheren Ort versammelten, stellte man fest, dass Rahzé verschwunden war. Trotz seiner Müdigkeit machte sich Erin nach einmal auf, um seinen Vetter zu suchen. Lange Zeit rief Erin nach Rahzé, doch hörte er nur das Zischen und Knistern der erkaltenden Lava als Antwort. Unter dieser dunklen Masse konnte er nicht mehr ausmachen, wo die Hütte seines Vetters gestanden hatte und somit hatte er keinen Anhaltspunkt, von wo aus er seine Suche hätte beginnen können. Nach langem Herumirren hörte er plötzlich ein leises Rufen.
Rahzé lag halb begraben in der schnell trocknenden Lava, auf die nun die Asche des Vulkans herabregnete. Nur ein Teil seines Oberkörpers und sein Kopf waren noch frei und in den müden Augen konnte Erin nur noch den herannahenden Tod erkennen. Weinend ergriff er die freie Hand des Sterbenden. Er sah Rahzé an, sah den starken Arm und merkte, dass sich über der Schulter ein kleines, braunes Etwas bewegte, worin er einen verstümmelten Flügel erkannte, der sich nie entwickeln konnte. Erin schüttelte den Kopf, doch Rahzé drückte sein Hand und flüsterte. "Du hast mit alledem nichts zu tun. Meine Mutter lehrte mich wohl, nicht zu hoch hinauszuwollen, aber warnte sie mich nie davor, dass man sich die Flügel auch hier auf Erden verbrennen kann. Meine falsche Bescheidenheit und mein falscher Stolz sind nun mein Untergang. Es ist die Ironie des Schicksals, dass gerade der, der am wenigsten hoch flog, nun am tiefsten fallen musste". Dann schloss er seine Augen.
Und Rahzé erhob sich, den Tod seines Engelsvetters bedauernd und trotzdem von Dankbarkeit erfüllt, dass seine Mutter ihn so frei und schuldlos erzogen hatte.