Die Brüder
Er begegnete ihnen im Wald. Nicht auf einer Lichtung, sondern irgendwo zwischen den Bäumen, wo jeglicher Pfad aufgehört hatte zu existieren. Es sah aus wie ein geheimes Treffen, dort wo niemand sie finden konnte, ein Treffen, zu dem auch er eingeladen worden war, ohne etwas davon zu wissen.
Seine Wunden schmerzten immer noch. Die Hände und Füße durchstochen, die Handgelenke von den Fesseln, die erst vor kurzer Zeit abgenommen worden waren, wundgescheuert. Und den Schnitt an seiner Seite, von einem Speer, der durch sein Gewand in sein Fleisch hineingerammt worden war, um auch sicher zu sein, dass er tot war. Und trotzdem wandelte er hier auf Erden, in diesem Wald und war sich alleine schon durch den Schmerz seiner Lebendigkeit bewusst.
Sie waren zu zweit, und obwohl sie ihn mit mürrischen Gesichtern ansahen, empfand er keine Furcht vor ihnen. Er lächelte sie an. "So, das ist also der Jüngste", murmelte einer von ihnen. Er hatte lange, schwarze
Haare und trug ein ebenso schwarzes Gewand, das seine Statur umhüllte, ja scheinbar versteckte. Seine Augen, deren Pupillen an eine sternlose Nacht erinnerten, blickten ihn unter halb geschossenen Lidern an, beobachteten ihn, sahen und erkannten seine Wunden. Die harten, geschlossenen Lippen bekamen einen weicheren Zug, er lächelte dann. "Ja, er ist es", sagte er schließlich.
Er sah den zweiten an, auf eine Äußerung wartend. Dieser hatte kurze blonde Haare, welche frischgewaschen aussahen, seine Augen hatten einen müden Ausdruck. Er trug eine weiße Toga, die an den Rändern mit alten, griechischen Zeichen verziert war. Und auf der rechten Seite tauchte langsam ein rotes Mal auf, das Blut einer Wunde, die nicht verheilen wollte. "Wer seid Ihr?" Die Stimme klang laut in die Stille hinein.
Beide traten an ihn heran und der erste stellte sich vor. "Mein Name ist Luzifer", sagte er freundlich, "wir haben nur noch auf dich gewartet". Nun hatte der junge Mann die Gelegenheit, die Gesichter etwas besser zu sehen. Beide sahen ausgemergelt aus, die Wangen eingefallen, und doch spiegelte sich eine gewisse Ruhe in ihnen, eine Zufriedenheit… nein, ein Frieden strahlte von ihnen aus. "Auf mich? Wieso denn auf mich? Was hat das zu bedeuten?" Er war doch etwas unsicher. Der Blonde sah Luzifer an und nickte ihm zu: "Erklär Du es ihm."
In der Nähe lagen einige größere Steine und Luzifer zeigte auf diese mit dem Vorschlag, sich doch zu setzen. Bei jedem Schritt wurde sich der junge Mann seiner Wunden wieder bewusst, doch stellte er fest, dass auch der Blonde sich seine blutende Seite hielt und auch Luzifer sich nur mühsam vorwärtsbewegte. "Soviel Schmerz als Dank", seufzte er. Der junge Mann sah auf seine Wunden und nickte. "Was hast Du denn in deinem Leben getan?" fragte Luzifer ihn schließlich. Nun seufzte der junge Mann. "Ach, eigentlich wollte ich den Menschen zeigen, sie lehren, was wahre Liebe wirklich ist", flüsterte er. "Und warum?" erkundigte sich Luzifer. Der junge Mann lächelte und schwieg eine Weile. "Ich wollte ihnen doch nur einen Lichtblick in ihr trostloses Leben hineinbringen", antwortete er dann. Die beiden anderen lachten laut auf. "Licht", stieß der Blonde dann hervor, "Licht ist wahrlich etwas Gefährliches".
Nachdem der junge Mann ihn einige Momente lang verwirrt angestarrt hatte, sprach nun auch der Blonde. "Ich bin Prometheus", stellte er sich vor, "auch ich hatte den Menschen Licht versprochen. Sie sollten sehen und erkennen können wie die Götter, denen ich diente. Und deswegen wurde ich bestraft". Er schob seine Toga etwas zur Seite und ein länglicher Schnitt war zu erkennen. Der junge Mann starrte fassungslos auf die Wunde, die ihn sich an seine eigene erinnern ließ. "Aber wieso denn?" fragte er "Wieso kann jemand dagegen sein, dass jemand den Menschen Licht in ihr Leben bringt? Es nimmt ja nicht ab, wenn man teilt. Im Gegenteil, es vermehrt sich doch dadurch". Er war immer noch erschüttert. "Wenn der Einäugige unter den Blinden als König verehrt wird", erklärte Prometheus, "dann ist der Sehende wahrlich ein Gott. Und Könige sowie Götter wollen etwas nicht verlieren, und das ist ihre Macht. Würde nun jemand die Blinden sehend machen, könnten diese erkennen, dass ihre Könige oder Götter auch nur Menschen sind, die eben einfach etwas mehr wussten als sie selbst. Sie würden anfangen, für ihre Gleichheit zu kämpfen und würden die Götter und Könige nicht mehr auf ihren bequemen Thronen verehren", Prometheus machte eine kleine Pause und sagte dann nachdenklich, "jaja, was sich die Wesen einfallen lassen, um von ihrer bequemen Position nicht weichen zu müssen. Und wenn deswegen die Menschen als törichte, blinde Tiere durch die Gegend laufen müssen…", er schwieg.
Der junge Mann schüttelte empört den Kopf. "Wie kann man nur solch brutalen Göttern dienen?" sprach er schließlich zu Prometheus gewandt, "und wie kann man dich bestrafen, da du etwas dagegen unternehmen wolltest? Ich wurde immerhin dazu erschaffen, um das Leid der Menschen zu erleichtern! Mein Vater…", weiter kam er nicht. "Dein Vater???" unterbrach ihn Luzifer und funkelte ihn böse an. "Auch ich bin ein Lichtbringer, so wie es mein Name schon sagt", erklärte er wütend, "auch ich wollte der Menschheit die Augen öffnen, und der Gott, dem ich diente hat mich deswegen aus seinem Reich gestoßen. Ich muss Dir wohl nicht erklären, dass dieser Gott Dein Vater ist! Nur hat Herkules, der Sohn von Zeus, also ein Halbgott wie Du, Prometheus wenigstens von seinem Leiden erlöst". Luzifer schwieg einen kurzen Augenblick, dann bellte er, "sieh Dich doch einmal an. Und gerade du, der fast dieselben Wunden wie Prometheus trägt, wolltest genau wie er auch nur der Menschheit ihre Göttlichkeit näher bringen. Und so wurdest auch du bestraft, weil du dir vorgenommen hast, den Menschen das Licht und die Liebe zu lehren. Du bist nicht der erste Sohn, der nicht das wird und macht, was der Vater von ihm verlangt".
Der junge Mann ballte die Hände zu Fäusten. "Wie wagst du es, meinen Vater anzugreifen?" spie er Luzifer entgegen, "willst du behaupten, er hätte seinen eigenen Sohn geopfert?" Luzifer schüttelte sanft den Kopf und flüsterte schließlich kaum hörbar: "Er hat es auch von seinen Untertanen verlangt. Wieso sollte er dann bei dir eine Ausnahme machen, wenn er mit - sozusagen guten - Beispiel vorangehen will?" Eine bedrückende Stille trat ein.
Prometheus griff nach der Hand des jungen Mannes. Die Wunde schien sich zu schließen und er konnte auch keine Schmerzen mehr fühlen. Der Fleck auf Prometheus Toga verdunkelte sich, was anzeigte, dass auch seine Wunde zu bluten aufgehört hatte. "Hört auf euch zu streiten", sprach Prometheus schließlich, "es bringt uns nicht weiter, wenn wir selbst mit Licht und Liebe so wenig Erfahrung haben, um sie wenigstens bei uns richtig einsetzen zu können. Vergessen wir unsere Wunden und gehen wir, denn wir sind ja schließlich doch zu Hause angekommen". Er klopfte Luzifer freundschaftlich auf die Schulter und trat in den Wald, gefolgt von dem jungen Mann. Und der Lichtbringer ließ seinen schwarzen Umhang fallen und breitete seine weißen Flügel aus. Dann war auch er zwischen den Bäumen verschwunden.
(C) Kangiska