DIE MEISTERIN
Ich stand vor dem Eingang des Hauses… der Höhle… eines hohlen Baumstammes…
Ich hatte mich entschlossen. Mir waren Leute begegnet, Menschen mit alten, lächelnden Gesichtern, die mir von der Meisterin erzählt hatten, und von ihren Lehren. Und die Zufriedenheit, die jene Menschen ausstrahlten, ließen mich die Entscheidung treffen, denselben Weg zu gehen und die Meisterin zu bitten, auch mir diese Lehren weiterzugeben, die Lehren der Weißen
Magie.
Ich trat ein, in einen Raum voller Licht, obwohl keine Fenster zu sehen waren, einen Raum voller Wärme obwohl kein Feuer brannte. Keine Möbel waren zu sehen, kein Schrank, kein Tisch und auch kein Stuhl, auf den ich mich hätte setzen können. Nur ein grüner Teppich auf dem ich mich niederlassen konnte, ein Teppich aus Samt… aus Moos…
Ich wartete, und als so wie die Zeit verstrich, entschloss ich mich zur
Meditation, bis die Meisterin erscheinen würde. Ich war mir sicher, dass dies ganz im Sinne dieser Lehre sei, Meditation, in sich gehen und Geduld üben. Als ich die Augen öffnete, stand eine Frau vor mir. Ihre langen
Haare waren blond… kastanienbraun… rot… oder etwa doch schwarz? Ich konnte mich nicht entscheiden und war mir genauso unsicher wie beim Eingang, der sich mit jedem Schlag der Augenlider in etwas anderes zu verwandeln schien. “Nichts von alldem ist falsch,” sprach die Meisterin “und nichts von alldem ist richtig. An sich spielt es keine Rolle.” Sie lächelte und sah sehr jung aus, obwohl sie wahrscheinlich uralt hätte sein müssen.
“Wie wird die Lehre beginnen?” fragte ich und sah die Meisterin an. Diese aber schüttelte nur ihr Haupt: “Sie hat schon begonnen, als Du die Entscheidung trafst sie anzunehmen”. Sie bewegte sich auf den Ausgang zu und lud mich mit einer Handbewegung ein, ihr zu folgen. “Die Lehre wird schwierig sein und doch manchmal leicht, wenn die Arbeit vollbracht ist”, fuhr sie fort, “Du wirst dich mit Kleinigkeiten abgeben müssen und auch Dinge tun, die Dir zuwider sind. Aber das wichtigste an allem ist, das Gleichgewicht zu finden, das Gleichgewicht Deiner Arbeiten, Deiner Lehren und Deiner selbst”. Die Meisterin schwieg und trat hinaus in den Wald. “Und noch etwas”, fügte sie hinzu, “Vertrauen. Das Ziel Deiner Lehre soll das Vertrauen sein” - “Vertrauen”, wunderte ich mich, “Worin?” Die Meisterin lächelte mich an “In Dich natürlich, aber auch in mich”.
Die Lehre war hart und langwierig. Ich wurde durch dunkle Wälder getrieben… über den regennassen grauen Asphalt. Aber so wie die Meisterin es mir erklärt hatte, schien auch die Sonne und dies nach jeder getanen Arbeit heller und wärmender. Ich musste genauso gut den Boden kehren, wie ich mich in Meditation üben musste, keine Arbeit wurde mir erspart. Ich nahm ihre Lehren hin und doch fiel es mir des öfteren schwer. Als ich eines Tages auf einem Feld stand, der Regen in dichten Strömen mich nur mich selbst sehen ließ und die Blitze um mich herumzuckten und meine Haut zu verbrennen schien, schrie ich auf. Diese Ungerechtigkeit frustrierte mich, ließ mich wütend werden gegen die Welt, die Lehren, die Meisterin, doch auch gegen mich selbst. Doch neben mir stand meine Lehrerin und sprach mich an. “Vertrauen”, flüsterte sie und trotz des Unwetters war ihre Stimme hell und klar. “Vertrauen in Dich und in mich”. Und als das Unwetter nachließ, erschien die Sonne wiederum um so strahlender und ließ das Grün des Grases um so klarer und kräftiger wirken.
Bei einem der endlos scheinenden Spaziergängen, nachdem wir beide stillschweigend nebeneinander hergegangen waren und es mir von Moment zu Moment… von Schritt zu Schritt… schwerer fiel meine Gedanken für mich zu behalten, sprach schließlich die Meisterin. “Wenn Du nicht fragst, kannst Du keine Antworten erhalten”. Ich zögerte noch einen Augenblick. “Ist dies Magie?” fragte ich, “sind all diese Arbeiten, das Putzen von Fenstern, das Spazierengehen, ist all dies Magie?” Die Meisterin nickte. “Überall ist Magie enthalten, wenn Du nur weisst, das Gleichgewicht zu halten. Dann ist es gute Magie”. Ich überlegte mir meine nächste Frage. “Gute Magie”, spach ich dann, “also weiße Magie”. Die Meisterin seufzte. Sie ging auf einen Stein zu… eine Treppe… setzte sich hin und wartete darauf, dass ich mich neben ihr niederliess. Die Meisterin griff in ihre Tasche und holte ein Amulett heraus, ein Zeichen, das mir inzwischen sehr bekannt war. “Sieh Dir dieses Zeichen genau an”, forderte sie mich auf, “die Art und Weise wie das Weiße in das Schwarze verläuft und doch jedesmal ein Punkt übrigbleibt - schwarz in weiß und weiß in schwarz”. Ich nickte. “So verhält es sich auch mit der Magie”, erklärte die Meisterin. “Aber wenn man jemandem hilft, dann ist das doch gut”, erwiderte ich, “dann ist das doch weisse Magie”. Aber die Meisterin schüttelte den Kopf. “Nicht unbedingt”, gab sie zu bedenken, “wenn Du jemanden angreifst oder jemandem schaden möchtest und dieser lernt daraus eine neue Art, sich zu verteidigen, dann war nicht alles schlecht. Und je nachdem wieviel der andere gelernt hat, ginge Dein eigener Zweck dieses schlechten Handelns im guten Resultat unter”. Ich nickte “Aber wenn man was Gutes tut…” wollte ich wiederholen, doch die Meisterin hob nur die Hand - “wenn Du jedem bei allem hilfst und ihm so seine Entwicklungsmöglichkeiten nimmst, ist auch dies nicht nur gut”, sie lächelte mich an. “Auch die weißeste Wolke wirft einen schwarzen Schatten und jeder noch so dunkle Tunnel lässt das Licht am Ende um so klarer erscheinen”, schloss sie ab. “Das mit der Entwicklung des anderen”, fügte ich hinzu, da ich dieses Gespräch nicht abbrechen lassen wollte, “erinnert mich an einen Spruch: ‚Man kann den Esel zum Wasser führen, aber trinken muss er selbst’”. Die Meisterin lachte, doch dann wurde sie ernst “Es gibt noch eine Fortsetzung zu diesem Spruch: ‚Du kannst das Wasser auch trinken, aber damit hat der Esel seinen Durst noch immer nicht gelöscht!’”
Während die Jahre der Lehre vergingen, fragte ich mich hin und wieder, wann diese zu Ende sein würde und ob ich ein Ende überhaupt noch erwarten wollte. Ich mochte meine Meisterin und war ihr dankbar für all die Zeit, die sie mir opferte. Auf meine Frage hin, wieviele Jahre ich noch von ihr lernen würde, kam eine prompte Antwort “Das liegt an Dir, aber ich bezweifle, dass Du diese Lehre beenden möchtest oder überhaupt noch kannst”. Mich verwirrte ihr Satz, denn die Meisterin hatte mir eigentlich nur das wiederholt, was ich in meinem Inneren doch schon irgendwie wusste. Und als hätte sie meine Gedanken erraten, lächelte sie geheimnisvoll, während sie sich umdrehte, um ihre eigene Arbeit wieder aufzugreifen.
Und nun habe ich all diese Jahre mit meiner Meisterin verbracht und ich bin alt und doch fühle ich mich jung, so wie ich mich während der härtesten Jahre meiner Lehre alt gefühlt habe, als ich noch jung war. Ich bin alleine unterwegs, als wüsste ich, dass ich heute jemandem begegnen werde, dem ich alleine entgegentreten muss, ohne die Meisterin an meiner Seite zu haben. Er wartet schon auf mich, in einer alten Kutte, und obwohl er mir jung erscheint, ist sein Gesicht von Falten zerfurcht. “Es war schön”, sage ich in die Stille hinein, um ein Gespräch in Gang zu setzen. Ich liebe die Lautlosigkeit, aber manchmal bin ich doch Mensch und muss ich doch reden. “Mochtest Du sie?” fragt mich der Mann und ich nicke. Und erst jetzt fällt mir auf, dass ich meine Meisterin nie nach ihrem Namen gefragt habe. Jetzt scheint es mir unendlich wichtig, sie noch einmal zu sehen und zu wissen, wie man sie nennt, wie sie sich nennt. Doch der alte… junge… Mann legt seine Hand auf meine Schulter und flüstert mir ins Ohr.
“Ihr Name ist Leben!”
(C) Kangiska