Eine persönliche Geschichte – Heute
Und heute sind es nur noch Standpunkte – gedankliche Positionen, mit denen ich mich einmal identifiziert hatte.
Damals hat mich eine andere Meinung oder Ansicht oft aus meiner Ruhe gebracht. Ich fühlte mich sichtlich angegriffen,
wenn jemand meine Meinung in Zweifel stellte – heute ist es anders. Ich bin ruhiger geworden und habe kein Recht mehr –
kann also niemandem Recht geben. Es macht keinen Sinn mehr, eine Illusion zu verteidigen. Und schon gar nicht ist es erforderlich,
ein falsches ICH schützen zu müssen. ICH bin das nicht wirklich, der sich da früher einmal mit einer Gedankenform identifiziert hatte.
Heute nicht mehr. Ich beklage mich nicht mehr über Dinge, die nicht geschehen sollten.
Das Klagen scheint heutzutage eine weitverbreitete Erscheinung zu sein und gehört ja fast schon zum Pflichtprogramm
einer gehaltvollen Unterhaltung! Somit sind Menschen, die nicht klagen, einfach oft nur – verdächtig.
Wie oft sind Menschen beleidigt? Sie nehmen eine rein gedankliche Form sofort persönlich! Das Klagen ist Nahrung
für das Ego. Es ist ja nur ein gedankliches ICH, welches mit irgend etwas nicht zufrieden ist. So stärkt man
sein gedankliches ICH, und somit braucht man etwas, worüber man klagen kann – und natürlich auch Jemanden,
der beim Klagen zuhört – je mehr zuhören, ums so besser fühlt sich das Ego.
Aber nicht alle Menschen sprechen mit anderen darüber. Sie behalten es für sich und führen dann einen inneren Dialog
mit sich selbst. So wird die Stimme im Kopf geboren, wenn niemand da ist, der zuhören könnte.
Und diese Stimme kommt sehr selten zur Ruhe. Manche Menschen führen regelrecht Selbstgespräche –
ohne daß es ihnen bewußt wäre. Und dabei kritisieren sie nicht nur andere, sondern auch noch sich selbst.
Ich kenne noch die Zeiten, in denen ich komplexe Geschichten erfunden habe – und dann einen Teil davon
auch noch geglaubt hatte. Nachts konnte ich oft nicht einschlafen.
Niemand hat mir je gesagt, wie ich diese Stimme im Kopf abstellen könnte. Auch konnte mir niemand erklären,
daß ich mich mit dieser Stimme im Kopf bereits identifiziert hatte, weil ich gar nicht wußte, daß es ein künstliches ICH gibt,
das ich mir unbewusst selbst geschaffen hatte – um mich auch noch mit ihm zu identifizierte. Es gab dann eine Zeit,
in der ich relativ stark mit dieser Illusion des Selbst verhaftet war.
Ich glaubte zu sein, wer ich ja gar nicht war.
Und was bleibt nun von all dem übrig?
Ich muß sagen – herzlich wenig.
Denn all das war ich nie und nimmer.
Alles nur Rollen – die ich einmal gespielt hatte – um jemand zu sein.
Passe Partout
2009-01-03