Eine persönliche Geschichte – Mittelalter
Später im Leben habe ich dann gelernt, daß die Dinge kommen und wieder gehen – oft ganz von selbst.
Aber mit den Gedankenformen habe ich mich noch lange identifiziert und somit ganze Wunschgebilde aufgebaut,
die aber nicht real wurden. Eines Tages hatte ich wohl ein ICH geschaffen, das mit meinem wahren ICH
kaum noch in Verbindung stand. Man hatte mir doch einmal, irgendwo gesagt, wir Menschen seien nach einem Vorbild
von jemandem geschaffen worden, den man „Gott“ nennt. Wir seien also auch Schöpfer, weil doch ein Schöpfer
nur Schöpfer schaffen kann. Und ich hatte keine Ahnung davon, wie man etwas erschafft. Und ich hatte nun ein Selbst aufgebaut –
in mir selbst – ein künstliches Ich, von dem ich gar nichts wußte. Ein ICH-Gebäude, eine Ansammlung von ICH-Gedanken,
eine gedankliche Konstruktion von dem, was ICH sein sollte, aber niemals war – ein Phantasiegebilde, eine Illusion.
Aber WER hat das alles aufgebaut? Ich? Na – Wer sonst? Wenn ich "ICH" sagte, bezog ich mich auf diese Gedankenform.
Ich bezog mich also immer nur auf eine Geschichte – nichts sonst – und ich hatte keine Ahnung davon.
Unmöglich, daß dieses ICH jemals Erfüllung finden kann. Es braucht eine Art Unerfülltheit, ja – es braucht die Probleme
und auch die Konflikte. Die Unzufriedenheit ist somit die Nahrung für das „falsche ICH“.
Damals dachte ich dann über mein problematisches Leben nach. Ich konnte darüber sprechen, ich konnte meine Geschichte
bei Gelegenheit jedem erzählen, der sie hören wollte. Und auch andere erzählten mir ihr problematisches Leben.
Und manche Menschen wußten nur noch über Probleme zu sprechen, aber da fing ich dann an, mich von ihnen
zu distanzieren. Diese Art von Selbstgefühl fing an, an Substanz zu verlieren als ich erkannte, oder besser gesagt -
vermutete, daß eine Lösung von Problemen nicht in der Zukunft liegen kann.
Es war mir leid, diese Geschichten zu hören und dann auch noch zu bestätigen, daß sie wahr seinen.
Oft waren diese Menschen nicht an einer Lösung interessiert, nur am Erzählen davon, wie problematisch alles sei,
und ich hatte keine Lust mehr, mir das laufend anzuhören, da ich ja mein eigenes Leben hatte.
Freunde oder Bekannte hatte ich irgendwann nicht mehr viele, oder fast keine.
Heute weiß ich, daß dieses falsche ICH laufend Problem braucht, um zu
überleben. Diese Gedankenform muß aufrecht erhalten werden,
da sich der Mensch mit diesem künstlichen ICH identifiziert hat im Laufe der Zeit. Dieses falsche ich – oder Ego –
schafft laufend Konflikte und Probleme mit anderen falschen ICH’s, um sich zu erhalten – als ICH-Form. Irgendein Konflikt
mit irgendeiner Situation ergibt somit ein Problem, daß dann dieses Ego persönlich nimmt und oft darauf auch reagiert.
Ein Ego-Bewußtsein braucht also die anderen, um sich das eigene falsche ICH-Gefühl zu bestätigen.
Aber dann fürchtet man auch das andere Ego.
Ich brauchte damals Lob, Anerkennung, Bestätigung, und all den Neid der anderen über die Dinge, die scheinbar nur ich hatte –
die andern aber nicht. Ich mußte mich ja selbst dadurch bestätigen, indem ich mich von anderen unterscheiden konnte
durch das, was ich hatte. Und wie oft wollte ich Recht haben? Ich fühlte mich sofort unwohl, wenn ich einmal
ins Unrecht gesetzt wurde – egal, durch wen. Oft fing es in der Familie an, mein Vater bestand auf „dem letzten Wort“.
In einer Abwehrhaltung mußte ich dann mein Recht verteidigen.