Eine persönliche Geschichte – Kindheit
Wie die meisten Menschen in einem Zustand leben, indem ihr gesamtes Leben nur um einen Punkt zu kreisen scheint,
so lebte ich auch und nannte das dann: Mein Leben. Ich sprach von einem Dasein innerhalb der Zeit, und es schien mir so,
als ob dieses Dasein von Tag zu Tag mehr wird. Es glich einer Geschichte, die sich noch nicht vervollständigt hatte.
Also mit jedem Tag weiter geschrieben wurde. So entsteht ein Buch, eine persönliche Geschichte, die eigentlich
nie vollständig sein kann, da es sich um ein gedanklich konstruiertes Bild meiner Selbst handelt, welches mein Leben war.
Meine Konstruktion nannte ich bis dahin dann Vergangenheit.
Nicht nur das, was ich erlebt habe, wird im Buch festgehalten, sonder auch das, womit ich mich bis zum damaligen Tag
identifizierte, oder mich identifiziert hatte. Wünsche, Erwartungen – meine eigenen – und die anderer an mich,
Erfolge und Mißerfolge, Vorstellungen über alles Mögliche, wie ich sein wollte, oder wie ich einmal sein werde,
und wer ich eigentlich lieber wäre als der, der ich gerade bin. Was wurde mir alles angetan – und was habe ich
anderen schon alles angetan, und welche Meinungen haben meine Mitmenschen über mich.
Ich und dieser Körper, in dem ich lebte, und vielleicht gar nicht sein wollte, weil ich einfach ein anderer sein wollte.
Womit habe ich mich in all diesen Jahren identifiziert?
Als Kind war ich einfach nur Kind, und es kam mir nicht in den Sinn, ein Anderer sein zu wollen, bis mir gesagt wurde,
ich müsse nun erwachsen werden. Aber ich hatte mich ja schon mit diesem Ich identifiziert, ich hatte einen Namen
und auch schon Dinge, die Mir gehörten, also mein Eigentum waren.
Alles Dinge, die von Gedanken begleitet waren, welche scheinbar automatisch Form annahmen und mein Besitz wurden.
Irgendwann einmal wurde mein Roller gestohlen und ich war sehr traurig. Es schmerzte noch lange Zeit danach,
als ich den Verlust erleben mußte. Nicht nur der Verlust des Rollers verursachte Schmerz, auch das Ereignis,
als meine Mutter für mehrere Tage zu ihren Eltern fuhr und uns Kinder im Heim – abgab –
Trennungsschmerz, würde man heute sagen.
Aber da muß wohl jeder Mensch hindurch. Es scheint das Schicksal der Menschheit zu sein, sich in Dingen zu verlieren,
sich mit Dingen zu identifizieren, und das fängt schon sehr früh an – im Kleinkindesalter.
Zuerst kommt das ICH, dann das MEIN. Und wie schnell habe ich dann etwas vergessen, was mir doch
so wichtig gewesen war? Wie viele Spielzeuge habe ich gehabt, und alle sind gegangen. Dinge kamen – Dinge gingen.
Es waren also nicht die Dinge, die den Verlustschmerz ausgelöst haben. Es war die Trennung von der Identifikation,
die ich aufgebaut hatte und somit das Etwas als MEINS bezeichnet habe. Im Grunde habe ich dann so etwas,
wie einen Teil von mir verloren, oder besser gesagt: Die Identifikation mit dem Spielzeug, oder mit dem Haus,
oder mit dem Auto, oder mit geliebten Menschen, oder mit all den erlebten Ereignissen –
also mit meiner gesamten Vergangenheit.