Diese Geschichte ist reichlich abgefahren - weswegen ich sie auch nur ungern erzähle.
Es gibt immer wieder Phasen, in denen sie in den Hintergrund tritt, im Moment allerdings bewegt sie mich wieder so stark, dass ich sie teilen muss, um irgendeinen input zu bekommen, der meinem Denken entweder eine andere Richtung geben könnte oder das Ganze vielleicht sogar etwas begeifbarer für mich macht.
Ich muss dazu sagen, dass ich zwar ein sehr intuitiver Mensch bin und Dinge spüre, die nicht ausgesprochen werden oder eben einfach ein Gefühl habe für Menschen, aber dennoch habe ich doch eine recht pragmatische Seite. Es käme mir z.B. nicht in den Sinn, eine Wahrsagerin etc aufzusuchen um Antworten zu finden, aber das nur vorneweg.
Also...es beginnt sehr banal.
1985, ich war zwölf, stolperte ich über eine (in Deutschland recht unbekannte) Band die es zu dem Zeitpunkt schon zwei Jahre nicht mehr gab. Ich fand sie dennoch grossartig.
Und vom ersten Moment an hatte mich ihr Gitarrist in seinen Bann gezogen.
(Naja, ich war ein Teenager, also nichts Ungewöhnliches).
Es war als würde ich innerlich zu ihm sagen...na endlich, da bist ja.
Ein Jahr später fand ich heraus, dass er wieder eine band gegründet hatte - jetzt gab es etwas Neues von ihm und das war grossartig.
Schon damals hatte das, was ich empfand für diesen Mann und seine Musik etwas beängstigend Intensives, ich hatte ja nur Photos von Plattencovern und manchmal aus dem New Musical Express, aber in diesem Gesicht war ich zuhause, geborgen, es war mir zutiefst vertraut, was ziemlich verwirrend war. Dieser fremde junge Mann wurde zu meinem Seelenzuhause, seine Musik zum soundtrack meines Innersten.
Ich war nicht verknallt, ich
wusste, da ist eine Verbindung, welche auch immer.
Er wurde zu meinem Begleiter, ich schrieb Geschichten, in denen wir Freunde waren, in denen ich regelrecht
lebte, ich beschäftigte mich intensiv mit seiner Herkunft, mit dem Nordirlandkonflikt. Ich wurde regelrecht irisch, lernte die Sprache und verschlang Unmengen an Büchern. Schon mit 14 hielt ich Vorträge in Schulen und Bibliotheken über den Nordirlandkonflikt und die Propaganda der britischen Regierung.
Ich schrieb Tagebücher in Form von Briefen an ihn - insgesamt sind es sieben Bücher geworden, über acht Jahre. Und so bekloppt es klingen mag - wir
kommunizierten.
Allerdings fehlte mir ein Geburtsdatum von ihm und so beschloss ich, einfach eines an ihn zu vergeben. Es war der 15. Januar 1961. Mein Kriterium dabei war mein eigenes Geburtsdatum - mir war klar, dass er so wie ich nur Steinbock sein konnte. Ebenso wie mir klar war, dass er Linkshänder war, so wie ich. Ich hatte keine Ahnung....aber für mich - war es so.
Das war Mitte der 80er...ohne ein internet, in dem alle möglichen Informationen zugänglich sind.
Zwei Jahre später dann erfuhr ich sein tatsächliches Geburtsdatum.
Es war der 15. Januar 1961.
Und noch viel später erfuhr ich, dass er Linkshänder ist.
1991 geschah etwas, das mich völlig rastlos machte, mir das Gefühl gab, ich muss zu ihm weil es ihm extrem schlecht geht. Vier Wochen später las ich, dass sein Vater, zu dem er eine sehr enge Bindung hatte, verstorben war.
Ich spürte ihn, und es war so innig, dass es mir selbst Angst machte.
Ich wusste wie er war, wie er dachte und empfand, kannte seinen Humor, seine Abgründe, sein Lachen, seine Stimme.
2004 wurde über die band ein Dokumentarfilm gedreht den ich 2005 zu sehen bekam.
Es war eine Offenbarung.
Ich hörte ihn das erste Mal richtig reden, lachen und erzählen, sah ihn das erste Mal in Bewegung und nichts, aber gar nichts war fremd, anders oder unverständlich.
Ich konnte sogar sagen, jetzt macht er gleich dies oder jenes, so als wären seine Mimik und Gestik das, was ich schon immer von Angesicht zu Angesicht gesehen habe.
Nichts desto trotz lebte ich mein Leben, verliebte mich, führte Beziehungen, aber er begleitete mich.
Bis heute.
Seit 27 Jahren ist dieser Mann bei mir, ich bei ihm, auf eine Art, wie ich sie nicht beschreiben kann.
Es fühlt sich an, als wäre ich mit einem dicken Einmachgummi an ihn gebunden und der Zug ist enorm. Ich kann ihn immer wieder gut verdrängen, ignorieren, wegschieben, aber dieser Zug ist da, ich werde ihn nicht los.
Es ist wunderschön, diesen Menschen in meinem Leben (sozusagen...) zu haben aber es ist eine Qual.
Es fühlt sich unvollständig an, rastlos.
Tausend Mal habe ich darüber nachgedacht, ihn zu sehen, aber ich habe es nie.
Die Chance ihn mit der band zu sehen ergab sich auch nie, da sie zwar in UK bekannt sind, hier aber kaum.
Und was sollte ich auch sagen ?
Irgendwas haben wir aneinander zu erfüllen, keine Ahnung was aber lass es uns rausfinden....?
Er weiß nicht, dass ich existiere...was schwer zu ertragen ist.
Oder weiß er es, irgendwie ? Auch wenn er das, was ich ihm eventuell "sende" nicht einordnen kann ?
Keine Ahnung.
Es ist bizarr.
Und doch das Vertrauteste und Natürlichste in meinem Leben.